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Nachrichten um 19h 2020: Computer-generierte Nachrichten und ein virtueller Ulrich Wickert

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Einen computer-gestützten Journalismus gibt es schon länger, eben schon so lange, wie Journalisten mit Computer arbeiten.

Beim computer-generierten Journalismus spricht man dagegen von einer Art und Weise der Text- bzw. Berichterstellung, bei der mit Hilfe von Algorithmen aus vorhandenem Material ohne menschliche Hilfe Texte erstellt werden.

Wie geht das? Viele Ereignisse werden in Form von Statistiken dokumentiert: Sportergebnisse, Börsendaten, Finanzberichte, Studienergebnisse, Wetterdaten etc.. Speziell entwickelte Software generiert aus diesen Daten lesbare Texte, indem Informationen über Zeitpunkte von Ereignissen, Namen von Akteuren mit kontextüblichen Phrasen kombiniert werden.

Und wer aufmerksam Fußballnachrichten verfolgt (ich spreche jetzt NICHT von „11 Freunde“), wird einsehen, dass das mit den Phrasen nicht soo weit hergeholt ist.

Aufmerksame Sportnachrichtenverfolger – Studenten und Dozenten an der Northwestern University – haben 2006 / 7 im Rahmen eines Forschungsprojekts Algorithmen entwickelt, um aus Sportstatistiken Sportberichte zu erstellen. Daraus ist ein Startup entstanden (Narrative Science), das die Software entsprechend weiterentwickelt hat und inzwischen sogar historische Daten als kontext-abhängige Information in den Text einweben kann.

So ein Text liest sich dann beispielsweise so:

„Michigan State has ended the regular season with a good deal of momentum. On March 7th at home, the Spartans beat the Wolverines, 64-48. It was all Michigan State from the start, going into halftime up 32-14. Michigan never got close.

Some facts for this matchup: The Michigan State RPI ranking was a good deal higher than Michigan (#26 to #130). The Spartans home court advantage is distinct, and the Wolverines had no momentum and had lost 3 out of 5. The Spartans have already seen the Wolverines this year, and this win gives us a regular season sweep.“ (Quelle: http://techcrunch.com/2010/11/12/automated-news-sports-statsheet/)

Gut, so etwas wird keinen Journalistenpreis gewinnen, aber es dürfte auch nicht so spannend sein, solche Texte zu schreiben. Trotzdem ist die Entwicklung einer solchen Software ein weiterer Schlag für die Profession Journalismus, die durch die Digitale Revolution schon so unter Druck geraten ist. Ein paar Standardaufgaben weniger bedeuten weniger Aufgaben für Redakteure. Und es ist nicht zu erwarten, dass das nicht als Anlass zum Sparen genommen wird, wie Martin Weigert hier in seinem lesenswerten Beitrag zum Thema andeutet.

Wenn die Software auch noch keine anspruchsvollen Aufgaben übernehmen kann, so entwickelt sie sich weiter. Inzwischen werden damit Beiträge für medizinische Journale erstellt, wobei sie für die Texterstellung dann gerne mal 60 Sekunden benötigt. Neue Anwendungsfelder werden gerade erschlossen, 20 Millionen $ Venture Kapital konnte Narrative Science bisher einsammeln, womit die Weiterentwicklung vorerst sichergestellt ist.

Interessant ist, wenn man sieht, dass auch im Bereich der Newspräsentation über audio-visuelle Medien in den letzten Jahren erhebliche Fortschritte gemacht wurden. Ein Beispiel dafür ist das Projekt „News at 7“ – ebenfalls von der Northwestern University. Mit News at 7 wurde ein System entwickelt, mit dem automatisiert eine (audiovisuelle) Nachrichtensendung erstellt wird. Wenn man auf die Website schaut, vermittelt  das Projekt einen „proseminarischen“ Eindruck und ist noch weit davon entfernt, sendefähig zu sein. Daher ein anderes Beispiel:

Mit dem Dienst „Wibbitz“ kann sich jeder so eine automatisiert erstellte Nachrichtensendung aufs Smartphone  holen. Und das funktioniert – bis auf einige Unebenheiten – verdammt gut. Kurzum: Das Thema automatisierte Nachrichtenproduktion und automatisierte Nachrichtenpräsentation ist hiermit im Endkundenmarkt angekommen.

Die Technik steckt zwar noch in den Kinderschuhen, aber sie entwickelt sich zügig weiter. Was jetzt noch – wie Wibbitz – eine Spielerei für Nachrichtennerds ist, bietet das Potential, in ein paar Jahren ein paar Stunden PR-Redakteurs-Honorar einzusparen oder das Honorar eines freien Lokalreporters, der ansonsten das Spiel von Rot Weiß Oberhausen (dann wahrscheinlich in der 5. Liga) zusammenfassen müsste.

So faszinierend ich die Entwicklung finde: Die Rationalisierung durch Digitaltechnologie hält hiermit wahrscheinlich „endlich“ auch in unserer Profession langsam aber sicher Einzug.

 

Autor: Jörg Hoewner

Jörg Hoewner: Jg. 1969, ist Geschäftsführender Partner der K12 – Agentur für Kommunikation und Innovation und Consultant für moderne Unternehmenskommunikation in Düsseldorf. Seit 1995 berät er Kunden im Bereich Online Relations / Online-PR und war damit einer der ersten Berater in Deutschland auf diesem Feld. In den vergangenen 20 Jahren hat Jörg Hoewner zahlreiche Kunden beraten, viele Unternehmen (darunter DAX30-Unternehmen) und mehrere Verbände. Darüber hinaus ist er als Referent aktiv und Autor zahlreicher Fachbeiträge – online, in Zeitschriften und Büchern. Schwerpunktmäßig beschäftigt er sich mit dem Thema integrierte Kommunikation, deren Messbarkeit und der Auswirkung von Kommunikationstechnologien auf die interne und externe Unternehmenskommunikation. Kontakt: Jörg Hoewner (joerg.hoewner@k-zwoelf.com) – T. +49 (211) 5988 16 32 bzw. +49 (177) 4594974

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