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Zum Geburtstag: Abgesang auf Facebook?

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Oder: Wie ein Freund durch die Crowd seinen Lebensretter fand
Totgesagte leben länger … und vielleicht auch ein bisschen wilder. Das scheint zumindest beides für Facebook zu gelten: Vergangene Woche stimmten Princeton-Forscher den Abgesang auf Deutschlands beliebtestes Freundes-Netzwerk an: Wenn sich die Nutzerzahlen nach dem Vorbild einer Seuche entwickelten, gliche die Social Media Plattform schon 2017 einer Geisterstadt, so die Studie der US-Elite-Universität. Facebook konterte humoristisch mit einer Gegenstudie, die einer ähnlichen Argumentation folgend Princeton den baldigen akademischen Garaus prognostizierte. Beides wurde vielfach in den Medien aufgegriffen und auf Facebook selbstverständlich ausführlich diskutiert.

Ob Mark Zuckerbergs Baby, das gerade seinen zehnten Geburtstag feiert, seine Pubertät überleben wird? Vergangenes Jahr unterband das Unternehmen in Menlo Park, Kalifornien, zumindest die automatische Erfassung von Nutzerzahlen; wie eine reife Diva, die sich über ihr aktuelles Alter ausschweigt. Erst zum 30. Januar veröffentlichte das Unternehmen wieder seine eigenen Zahlen für den aktuellen Börsenbericht. Über die Zusammensetzung und das Verhalten der User lerne ich dabei nichts. Aber vielleicht kann ich mit einem Blick auf meine eigene Timeline wichtige Veränderungen feststellen. Denn ich entspreche als akademisch gebildete Anfangvierzigerin ganz gut dem Durchschnitt der Facebook-User in Deutschland – zumindest wächst das Netzwerk nur noch bei den „Oldies“. Auf jeden Fall gehöre ich zu einer großen und für die Marketingindustrie interessanten Gruppe. Aber was hat das mit dem Lebensretter zu tun? Dazu später.

Lonely Planet für die virtuelle Reise oder Pauschalangebot?
Tatsächlich haben sich viele meiner Kontakte, vor allem die jüngeren, Richtung WhatsApp, Pinterest und Instagram verabschiedet – von ihnen lese ich leider nur noch selten. Trotzdem – oder gerade deswegen? – mangelte es in meiner Timeline in den vergangenen Monaten nicht an diskussionswürdigen Posts. Erwachsene Konversation eben. Mehr noch: Ich habe den Eindruck, dass der geteilte Content an Intensität gewonnen hat und mich zunehmend durch die ausgesuchten Links und Kommentare auf eine spannende Reise führt. Natürlich komme ich dabei an den üblichen Sehenswürdigkeiten vorbei – Anfang des Jahres freute ich mich ebenso über Julia Engelmanns Poetry Slam-Beitrag wie ich mich über Markus Lanz aufregen konnte.

Doch auch fernab von den ausgetretenen Pfaden zu niedlichen blonden Mädchen und herzerwärmenden Katzenbildern tun sich mir hier neue Wege auf. Sie führen mich zu Zeitungsartikeln aus aller Welt, geben Anregungen für Ausflüge in der näheren Umgebung, sind ganz persönliche Späße und schenken Zuspruch in schwierigen Situationen. Diese Mischung macht für mich die Attraktivität von Facebook aus. Und dann sind da die kleinen Überraschungen, die mir zeigen, dass das Netzwerk noch äußerst wirkungsvoll ist – hier kommt der Lebensretter ins Spiel.

„Ich suche jemanden, dem ich viel zu verdanken habe …“ 78.000 fach geteilt
Ein Schulfreund von mir, durchschnittlicher User, ungefähr mein Alter, mit einem durchschnittlich großen Freundeskreis (in der Regel haben wir Otto Normalverbraucher und Erika Mustermanns um die 150 Freunde auf Facebook, was weit unter dem weltweiten Durchschnitt von 342 liegt), suchte seinen Lebensretter. Dieser, ein LKW-Fahrer, hatte ihn auf der Autobahn vor einem Geisterfahrer gewarnt. Seine Lichtanlage aufblendend hatte er dafür gesorgt, dass mein Schulfreund alarmiert auf den Standstreifen rüberzog, nur Sekunden, bevor ein falsch fahrendes Auto aus einer Nebelbank auftauchte. Ich erfuhr davon auf Facebook, wo mein Schulfreund das Erlebnis postete, mit der Bitte, seine Nachricht an den LKW-Fahrer zu teilen:
„Mann, wärst Du nicht gewesen, könnte ich das hier nicht mehr schreiben und mein Nachruf würde Samstag in der Zeitung stehen – ich würde mich gerne persönlich bei Dir bedanken – bitte melde Dich …“
Seine Freunde teilten, und deren Freunde auch, und einige Fanpages von Radiosendern auch und deren Fans auch … Mit durchschlagendem Ergebnis, wie mein Freund bald darauf vermeldete: Über 78.000 Facebook-Mitglieder waren seinem Aufruf gefolgt und so erreichte ihn auch der Lebensretter.

Eine schöne Geschichte, die alles enthält, was eine schöne Geschichte braucht: Gefahr, Nervenkitzel, den Mythos vom edlen Helden, der sich später als sehr netter, bescheidener Mensch entpuppte, ein weiterer netter Mensch, der das auch zu würdigen weiß, und natürlich ein happy end. Klar, dass darauf jede Menge Zeitungen und Radiosender ansprangen. Nach der Facebook-Welle kam für meinen Schulfreund die Presse-Welle. Er war tief gerührt und mit ihm viele andere Menschen. Und ich war es vielleicht auch ein bisschen, weil die Geschichte beweist: Auch für Facebook gilt: Totgesagte leben länger!

Autor: Maike Liess

Maike Liess ist Redakteurin bei K12 - Agentur für Kommunikation und Innovation in Düsseldorf. Nach Studium und 10 Jahren als freie Autorin in der Unternehmenskommunikation erkundet sie hier seit Juli 2012 unter anderem die Möglichkeiten des Corporate Publishing.

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