Kommunikationstrends, Public Relations, Rest - Verfasst von Carina Waldhoff am Freitag, 22.08.2008 20:35 - 0 Kommentare
Bildung schleich dich?
Autorin: Carina Waldhoff
Täglich können wir in unzähligen Artikeln und Posts lesen, welche technischen und praktischen Möglichkeiten Web 2.0-Software bietet.
Die für mich persönlich interessanteste Frage aber ist, wie das Internet unsere Wahrnehmung und unser Verhalten beeinflusst – und zwar nicht so sehr bei uns Berufskommunikatoren der “Generation Golf”, die sich noch daran erinnern, wie man damals Mittagessen kochen ging, während das Modem sich eine Verbindung zum Internet erkämpfte. Sondern vielmehr für die “Generation xy-VZ”, die auch laut Onlinestudie gar nicht mehr weiß, was Web 2.0 sein soll, weil das halt einfach “das Internet” ist.
Der SPIEGEL hat in der vorletzten Print-Ausgabe einen Versuch gestartet, diesem Themenfeld aus verschiedenen Perspektiven beizukommen – trotz des polemischen Titels “Macht das Internet doof?” (ich erwartete seufzend das übliche einseitige Blogger-Bashing) ziemlich reflektiert und differenziert. Das sahen zwar viele Blogger anders, aber die sind wohl auch nicht Kernzielgruppe.
Wirklich interessant aber ist ein Artikel auf faz.net: Renate Köcher, Geschäftsführerin des Intituts für Demoskopie Allensbach, schreibt über den “schleichenden Abschied vom klassischen Bildungskanon”. Die Hauptaussage: Die U-30s informieren sich anders und interessieren sich für andere Themen. Das Interesse an Themen aus dem “klassischen Bildungskanon” und gesellschaftlichen Entwicklungen sinkt, dagegen beschäftigen sich Menschen unter 30 stärker mit Kommunikationstechnologien, Konsumthemen und auch Psychologie. Suchen im Internet geschieht sehr zielgerichtet, woraus Köcher folgert:
“Dies verändert auch die Voraussetzungen für den gesellschaftlichen und besonders den politischen Diskurs. Eine Gesellschaft, die teilweise auf kontinuierliche Information und Urteilsbildung verzichtet, wird spontaner, in der Urteilsbildung beweglicher, sogar sprunghafter und anfälliger für Manipulation.”
Daraus entstehen endlos viele neue Fragestellungen und Forschungsfelder (meine Wunsch-Anschluss-Studie: Wie genau nutzen die Wenigen, die sich als politisch und gesellschaftlich engagiert bezeichnen, die Medien; wie “managen” sie Wissen, gibt’s hier signifikante Unterschiede zur Mehrheit?).
Besonders interessant an dieser Stelle: Wie “tickt” der Nachwuchs in Unternehmen, Agenturen und Redaktionen, welche Skills, welchen Hintergrund kann man voraussetzen, was darf und sollte man erwarten?
Allein der Begriff “Bildungskanon” klingt im Deutschen schon anrüchig und ist mir persönlich schon wegen seiner elitär-unflexiblen Anmutung suspekt. Wahrscheinlich deshalb blieb meine Aufmerksamkeit an einem Posting von Stuart Bruce (“A PR guy’s musings”) hängen, in dem sich ein englischer PR-Mann besorgt über das Allgemeinwissen von Berufsanfängern in der PR äußert und nur ein paar Beispiele dafür bringt, was er so voraussetzt: Ein paar Zeilen aus einem Shakespeare-Stück, historische Zahlen und Daten, politische Köpfe … er argumentiert dieses “Kanonverständnis” damit, dass er bei PRlern einen unglaublichen Wissensdurst als erste Voraussetzung für den Beruf voraussetzt.
In den generell zustimmenden Kommentaren kommt dann direkt ein wichtiges Standardargument auf: Nämlich, dass es heute viel wichtiger ist, die Instrumente zu beherrschen, mit deren Hilfe man zu Informationen gelangt, als selbst Wissen anzuhäufen.
Ich würde zustimmen, dass das eine Kernkompetenz ist. Aber Informationen sind nicht gleich Wissen – was passiert mit der Fähigkeit, zu sichten, sortieren und zu fundierten Entscheidungen zu gelangen, Sachverhalte differenziert zu betrachten? Ist “Einordnen” nicht die Kulturtechnik, die immer entscheidender wird angesichts der ungeheuren (zunächst nur positiven) Vielfalt an Informationen und Instrumenten, die uns zur Verfügung stehen? Die Allensbach-Analyse legt nahe, dass die Geduld dazu fehlt, je mehr sie erforderlich wird, und die Wahrnehmungspsychologie scheint das zu bestätigen.
In den frustrierendsten Phasen meines ersten, klassisch geisteswissenschaftlichen Studiums (“Was soll bloß aus mir werden? Warum schlag ich mich mit diesem Sch… rum?”) musste ich mich an den Versprechungen der Profs festhalten, dass wir Geisteswissenschaftler durch zwei Fähigkeiten für das Leben “danach” prädestiniert seien: Durch die Fähigkeit, sich jederzeit Inhalte selbstständig neu zu erarbeiten und durch unsere unglaubliche, achtung: “Frustrationstoleranz”. (Hole ich bis heute gelegentlich als Mantra hervor: ich bin so frustrationstolerant, ich bin so frustrationstolerant ;-)
Was passiert, wenn “Wissen” so leicht zu haben aber so schwer zu erarbeiten ist? Welchen Wert haben nie dagewesene Netzwerk-Möglichkeiten, wenn der Einzelne sie nutzt, um seine eigene kleine Welt bequemer und erfolgreicher zu gestalten, aber sich (tendenziell) immer weniger für die Gesellschaft, in der er lebt, interessiert?
(Kein Lamento, nur offene Fragen. Antworten/Vorschläge gern gesehen.)
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