K12

Medienkompetenz 2.0

| 5 Kommentare

Autorin: Carina Waldhoff

Von Anspruch und Wirklichkeit an und im Web 2.0 im PR-Bereich war hier ja schon öfter die Rede. Vielleicht macht es gerade für diejenigen, die sich gerade frisch in die Materie stürzen Sinn, sich mit dem schönen alten Medium “Buch” auf dem Sofa zu fläzen und das Thema auch mal wissenschaftlich und einführend zu betrachten, anstatt direkt tief in die selbstreferentiellen Beiträge auf Fachblogs einzutauchen.

So fiel mir vor kurzem der Band “Praxis Web 2.0 – Potenziale für die Entwicklung von Medienkompetenz” aus der Schriftenreihe Medienkompetenz des Landes NRW in die Hände (herausgegeben von den ecmc-Mitarbeitern Lars Gräßer und Monika Pohlschmidt). Gerade weil der Begriff Medienkompetenz üblicherweise eher mit Bildung, Jugendschutz etc. verbunden wird, finde ich die Übertragbarkeit des Konzepts auf die gesamte Kommunikations-Branche interessant, wenn man sich die Arbeitsdefinition der Autoren auf der Zunge zergehen lässt:

“Medienkompetenz ist die Fähigkeit zur Selbstorganisation eines Einzelnen oder eines sozialen Systems im Hinblick auf die sinnvolle, effektive und reflektierte Nutzung technischer Medien, um dadurch die Lebensqualität in der Informationsgesellschaft zu steigern.”

Lebensqualität – gefällt mir in dem Zusammenhang. Auf die Medienkompetenz eines sozialen Systems wie ein Unternehmen, eine Agentur, eine politische Institution übertragen verstehe ich darunter nicht nur (wie die Autoren weiter ausführen) das Verkaufsargument für Konsumenten, sondern die Möglichkeit, eine neue Qualität von Vertrauen, Glaubwürdigkeit, Kontakttiefe und Einbeziehung herzustellen. Auch sehr lesenswert, um zumindest die Problematik nicht von Anfang an aus den Augen zu verlieren: Der Beitrag zum Thema Datenschutz und -sicherheit, der die Unbedachtheit und Unbedarftheit von Usern im Web 2.0 vorführt (apokalyptisch aber wahr: “nur solange das Bedürfnis nach Privatsphäre in unserer Gesellschaft noch existiert, können wir der totalen Überwachung entgehen”).

Einige Kapitel des Bandes haben einen eindeutig medienpädagogischen Bezug und werden dadurch die wenigsten PR-ler interessieren. Irgendwie rührend wirkt auf mich im Themenumfeld Web 2.0 auch die Sammlung beispielhafter Projekte (zweifellos interessant und auch sinnvollerweise mit einer Kurzbeschreibung versehen), die – Medium Papier!- fein säuberlich mit Postadressen aufgelistet sind. Auch ein bisschen mehr Medienkonvergenz kann ich mir durchaus vorstellen – in welchem Blog kommentiere ich denn die Beiträge? Wär doch hübsch, wenn das Land NRW zum Thema Medienkompetenz da was im Angebot hätte, oder (vielleicht hier? Kenn mich nicht so aus…)? Aber vielleicht schreib ich einen Brief, ist ja auch ein vernachlässigtes Medium.

Irgendwie ein wohltuend archaisches Gefühl, sich dem Web 2.0 mal über Cicero und Brecht statt über Feeds und Technorati zu nähern. Fand ich.

Autor: Carina Waldhoff

Carina Waldhoff, Jg. 75, ist Kommunikationsberaterin bei der K12 – Agentur für Kommunikation und Innovation in Düsseldorf. Sie studierte Anglistik, Psychologie und Pädagogik in Bochum und Barcelona sowie Kultur- und Medienmanagement in Hamburg. In ihrer Diplomarbeit beschäftigte sie sich mit dem Nutzen von Corporate Citizenship für die Unternehmenskommunikation. Nach dem Studium arbeitete sie als Referatsleiterin Interne Kommunikation bei der Vereinigten IKK in Dortmund, anschließend als Junior Consultant bei CP/COMPARTNER in Essen und reiste dann ein Jahr durch Australien, wo sie auch zum ersten Mal bloggte.

5 Kommentare

  1. Aus der selben Schriftenreihe gibt es auch noch den Band Web 2.0 – Schlagwort oder Megatrend? Ihn fand ich etwas gelungener. Gut ist der Beitrag von Michael Kerres und Axel Nattland zum E-Learning.

  2. Zum einen wird Lebensqualität nicht nur als Verkaufsargument für Konsumenten betrachtet, wie es ökonomischen Diskurs der Fall ist -wäre auch ein ziemlich dünnes Brett-, sondern ebenso im Bildungs- und im gesellschaftspolitischen Diskurs verortet.
    Wirklich rührend finde ich übrigens, die neuen interaktiven Anwendungen (im Zuge von Web 2.0) im Kontext moderner Unternehemenskommunikation als Möglichkeit zu betrachten, “eine neue Qualität von Vertrauen, Glaubwürdigkeit, Kontakttiefe und Einbeziehung herzustellen. Wir reden hier über das Verhältnis von Produzent zu Konsument, oder habe ich das was verpasst? Da muss ich dann aus unserem Text zitieren: “Medienkompetente Unternehmen nutzen das Web 2.0 zum Aufbau möglichst großer Nutzergemeinschaften und etablieren neue Geschäftsmodelle. ” Alles andere ist Augenwischerei!

  3. Hallo Lars,
    vielen Dank für die Klarstellung zum Thema “Lebensqualität”. Was deine Einschätzung meiner Perspektiven für Unternehmen im Web 2.0 angeht, finde ich deine Entgegnung tatsächlich zu kurz gegriffen: Unternehmenskommunikation beschäftigt sich nicht nur mit dem Verhältnis von Produzent zu Konsument (da bleiben wir auf der Ebene Produkt-PR stecken). Ein Unternehmen tritt vielmehr als Produzent, Arbeitgeber, Wirtschaftsfaktor in der Region etc. auf und kommuniziert im besten Fall mit all seinen Stakeholdern, also zum Beispiel Kunden, potenziellen Kunden und Mitarbeitern, Aktionären, Interessensverbänden und so weiter. Medienkompetente Unternehmen können zwar natürlich neue Geschäftsmodelle im Web 2.0 etablieren, müssen aber unbedingt zunächst zusehen, dass nicht nur über sie geredet wird, sondern sie auch zum ernst genommenen Gesprächspartner werden. Vertrauen und Glaubwürdigkeit sind hier also kein kuscheliger Selbstzweck, sondern auch wirtschaftlich gesehen überlebenswichtig, denn die Informationshoheit über ihre Produkte, Leistungen etc. ist Unternehmen längst “flöten gegangen” durch die Vielfalt und Transparenz in Social Media. Meinungen und Märkte entstehen eben zunehmend hier. Dass Unternehmen über diese angestrebte neue “Kontakttiefe” und Glaubwürdigkeit ihren wirtschaftlichen Zielen zuarbeiten (auf die die Unternehmenskommunikation natürlich auch zuarbeitet), versteht sich von selbst. Augenwischerei wäre, Web 2.0 als zusätzliche Spielwiese anstatt als wichtige wirtschaftliche Herausforderung darzustellen. Aber das tut ja niemand.

  4. Hi Carina!

    Ja, so steht es in den Büchern: Nicht bei der Produkt-PR stehen bleiben. Heraus kamen dann früher Reports zur sozialen Nachhaltigkeit des eigenen unternehmerischen Handelns oder heute eben das CEO-Blog. Wie dolle die sind hast Du selber ja begutachtet: http://www.moderne-unternehmenskommunikation.de/wordpress/index.php?s=ceo+blog&searchbutton=Go%21

    Sorry, das ist doch sehr ernüchternd und ehr so 0,5. Geht mir aber auch nicht anders, wenn ich das neue Buch von Pleil zur Hand nehme: “Online-PR im Web 2.0″. neu erschienen bei UVK.

    Ich frage mich immer stärker: Was kann quasi öffentliche Kommunikation überhaupt leisten? Bedarf es nicht einer bestimmten Grundhaltung, um die hier erreichbare Kontakttiefe, also solche Wert zu schätzen?

  5. Hallo nochmal,
    ja, diese Grundhaltung ist absolut elementar. Und um Qualität geht es auf allen Ebenen: Beim umfassenden Verständnis von UK, bei den einzelnen Instrumenten, im Umgang mit Medien und Stakeholdern … die Haltung, in der Kommunikation nur als Sender arbeiten zu wollen und kritischen Öffentlichkeiten gegenüber zu mauern, wird sicher nicht von heute auf morgen verschwinden. Mein Punkt war hier (entschuldige, wenn ich mich wiederhole): Das Verständnis von “guter Kommunikation” wird sich immer mehr an Offenheit und Glaubwürdigkeit orientieren und der Druck (auch der wirtschaftiiche) eine solche zu ermöglichen, steigt massiv.

    Ich hatte bei den CEO-Blogs übrigens auch zumindest aus den USA positive Gegenbeispiele erwähnt – die erhofften Hinweise auf gute deutsche CEO-Blogger sind leider ausgeblieben.

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