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Vom Kirchturmdenken zum Wir-Gedanken: Unternehmen als neue Player in der vernetzten Lehre?

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Ist die Universität wie wir sie kennen am Ende? Revolutioniert das Internet nun auch diese bisher eher analoge Domäne? Und was bedeutet das für die moderne Unternehmenskommunikation? Überlegungen zu einer neuen Form der Zusammenarbeit von Wirtschaft und Wissenschaft.

MOOC (Massive Open Online Course) ist der heiße Trend, der von US-Elite-Universitäten wie Stanford, Harvard und dem MIT nach Deutschland schwappt. Es sind vor allem Einführungsveranstaltungen, die offen für Jedermann und kostenlos ins Netz gestellt werden. Aber auch Kolloquien zu sehr speziellen Themen können auf diese Weise ihr Publikum finden. Je nach Ausprägung werden die kurzen Videovorträge der Dozenten durch themenrelevante Fragen und vertiefende Lektüre sowie Online-Foren oder Hang-Outs ergänzt. Denn das persönliche Nachvollziehen des Stoffs, allein und im Diskurs mit Kommilitonen, festigt den Lernerfolg. So können Studierende weltweit und kostenlos an Kursen der renommiertesten Hochschulen und besten Professoren teilnehmen. Die Wiege der MOOCs, Stanford University, brachte gleich zwei Plattformen für die offenen Online-Kurse hervor. Udacity , entwickelt mit 62 Partner-Universitäten eigene Inhalte, Coursera versammelt 250 Kursangebote von mittlerweile 33 Universitäten unter seinem Dach. Als Reaktion darauf entwickelten MIT und Harvard-Professoren mit edX eine weitere, open-source-basierte Plattform.

Ja, es gibt E-Learning und Online-Veranstaltungen dieser Art bereits seit Jahren. Neu ist jedoch die Qualität, die viele MOOCs heute haben. „Ich habe in 25 Jahren der Beobachtung von Hochschulbildung nichts gesehen, das sich so schnell entwickelt“, sagt Mitchell Stevens, Soziologe in Stanford. Neu ist auch die große Zahl an Teilnehmern, die Dozenten mittlerweile mit einer einzigen Vorlesung erreichen können: Zehntausende nehmen an den beliebtesten Angeboten teil; schon legendär ist die Online-Veranstaltung über Künstliche Intelligenz des Stanford-Professors Sebastian Thrun, die 160.000 Studierende in 195 Ländern verfolgten. Kritiker bemängeln zwar, dass die Abbruchrate dieser Kurse sehr hoch ist. Aber: Wenn auch nur zehn Prozent der ursprünglich Interessierten tatsächlich einen Kurs mit einer Prüfung abschließen, ist ein bedeutender Schritt in der Verbreitung von Bildung und Qualifikation getan.

Die Mitmach-Universität öffnet sich
Damit verändert sich auch hierzulande die Vermittlung von Lehrinhalten enorm. Denn „offen“ ist das erste Merkmal der Online-Kurse, „auf Mitgestaltung ausgerichtet“ oft das zweite. Der Vernetzungsgedanke wird hier in unterschiedlicher Intensität gelebt. Gerade sogenannte cMOOCs (c für connectivism) setzen darauf, dass die Lernenden den Gegenstand selbst weiterentwickeln, indem sie themenrelevante Materialien recherchieren, diskutieren, kommentieren. Natürlich, das funktioniert auch in der analogen Welt. Wer sich jedoch an überfüllte Hörsäle und sauerstoffarme Seminarluft erinnert, wird der Dynamik eines Online-Diskurses von Fall zu Fall den Vorzug geben. Dort wird Wissensmehrung im besten Fall zu einem lebendigen Prozess. Er mag nicht mehr ohne Weiteres steuerbar sein, aber es ist anzunehmen, dass sich auch hier die besten, vielleicht auch die am besten aufbereiteten Informationen viral durchsetzen.

MOOCs als Plattform für Unternehmenskommunikation?
Was hat das nun mit Unternehmen zu tun? Sie können gleich in doppelter Hinsicht davon profitieren. Ganz einfach: In Zeiten des Fachkräftemangels müssen Recruiter an die Quelle – nämlich die Ausbildungsstätte – gehen und sich dort als attraktive Arbeitgeber positionieren. Die Möglichkeit, angehende Experten in Massen über solche Plattformen direkt anzusprechen, erscheint da als eine sehr effiziente Alternative zur Präsenz vor Ort. Gelingt dafür eine Kooperation mit einer Universität beziehungsweise einem Anbieter, so ergibt sich eine Konstellation, die für alle Beteiligten Vorteile birgt.

Die zweite Chance, die sich mit dem Trend des vernetzten Lernens in cMOOCs eröffnet, ist ein wenig heikler, denn man könnte dahinter eine Einflussnahme auf die Lehre durch Wirtschaftsinteressen vermuten. Vor diesem Hintergrund ist es unabdingbar, dass die Freiheit der Lehre oberste Priorität behält. Unter dieser Prämisse eröffnet sich dennoch ein enormes Potenzial in der Verbreitung des Wissens, das Unternehmen in ihren Tätigkeitsgebieten sammeln. Meist schlummert das – verteilt über verschiedene Unternehmensbereiche – unerkannt und für die Kommunikation ungenutzt. Auch in diesem Fall bewahrheitet sich die Redewendung, dass Wissen eines der Güter ist, die sich mehren, wenn man sie teilt.

Denn hier können sich Unternehmen offen als Kompetenzführer etablieren und als Wissensträger in den Diskurs mit einbringen: Gut aufbereitet und wissenschaftlich fundiert – das versteht sich von selbst. Gleichzeitig zahlt auch das wieder auf den Recruiting-Aspekt ein. So greift die Lehre durch Impulse aus der Wirtschaft wichtige Themen und Probleme auf, die Unternehmen derzeit und zukünftig beschäftigen – die Ausbildung nähert sich wieder ein Stück dem Bedarf des Arbeitsmarkts an. Wenn der long tail, übersetzt auf die Bildungslandschaft, dazu führt, dass auch in Nischen weiterhin gelehrt und geforscht werden kann, wäre obige Entwicklung sicherlich zu begrüßen.

Zugegeben – wir bewegen uns hier auf einem schmalen Grat. Doch es sollte gelingen, den Trend zum MOOC zu nutzen, ohne die Wissenschaft ihrer Freiheit zu berauben: Mit hochwertigen Informationen und Forschungsergebnissen, die frei zur Verfügung gestellt werden. Ob sie für die Lehre tatsächlich bereichernd sind, wird die schließlich virtuelle Abstimmung der universitären Crowd ergeben.

Weiterführende Links:

Die wichtigsten amerikanischen Plattformen im Netz:

 

 

 

 

 

Autor: Maike Liess

Maike Liess ist Redakteurin bei K12 - Agentur für Kommunikation und Innovation in Düsseldorf. Nach Studium und 10 Jahren als freie Autorin in der Unternehmenskommunikation erkundet sie hier seit Juli 2012 unter anderem die Möglichkeiten des Corporate Publishing.

Ein Kommentar

  1. Heute, zum Start der deutschen Plattform iversity, ein Beitrag über MOOCs im Morgenmagazin von ARD und ZDF:
    http://www.zdf.de/ZDFmediathek/kanaluebersicht/aktuellste/446#/beitrag/video/2005384/Online-Bildung:-Kennen-Sie-MOOCs

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