Buchtipps, Kommunikationstrends, Rest - Verfasst von Carina Waldhoff am Dienstag, 22.07.2008 18:15 - 0 Kommentare
Von Journalisten und Bloggern
Autorin: Carina Waldhoff
Weil ich gestern abend meine Gedanken über den Spiegel-Artikel über “Beta-Blogger” noch ordnen wollte, musste ich heute morgen feststellen, wie schnell (und gerade angesichts der Goliath-gegen-David-Attacke erstaunlich reflektiert) Andere reagiert haben – das meiste ist gesagt, zusammengestellt bei Klaus Eck oder, auch interessant, eine Einordnung seiner eigenen Zitate von Jan Schmidt.
Abgesehen von den schiefen Maßstäben, die der Artikel anlegt (wenige Blogger haben journalistische Ansprüche an ihre “Arbeit”, so sie ihre Foren überhaupt als solche ansehen, noch weniger ein journalistisches Selbstbild, und die wenigsten – auf die hat sich SPON kapriziert – müssen sich an journalistischen Maßstäben messen lassen, weil sie z.B. dezidiert die Arbeit eindeutig redaktioneller Medien, siehe Bildblog, aufs Korn nehmen), hinterlassen der hämische Ton und polemische Stil einen schalen Beigeschmack: Ja, die Lust am Diskurs verkommt in deutschen Blogs häufig zu pinscherhaften, korinthenkackerischen Bissreflexen – aber das hat die “Szene” selbstkritisch erkannt. Mangelnde Souveränität scheint eben auch ein urdeutsches Phänomen zu sein, dem sich der Spiegel mit diesem Artikel leider nicht entzieht. Nebenbei gefragt: Haben die in Hamburg die Nebensätze abgeschafft? (“Nur etwa jeder fünfte Deutsche liest sie überhaupt jemals. In den USA und Japan ist es jeder Dritte. In Südkorea und den Niederlanden tun es 40 Prozent der Bevölkerung. Doch ganz genaue Zahlen gibt es aus den wenigsten Ländern.” – So geht das über Seiten.)
Maßstab Leserschaft: “Nur etwa jeder fünfte Deutsche liest sie überhaupt jemals” – gar nicht so schlecht für ein sich langsam, aber immer noch entwickelndes Medium über die Gesamtbevölkerung, möchte man meinen – gerade mit Blick auf die Mediennutzungs-Gewohnheiten der jungen und ganz jungen Nutzer, bei denen Online generell TV fast und Radio und Print um Längen abgehängt hat (siehe z.B. ARD/ZDF-Onlinestudie 2007, die aktuelle müsste in den nächsten Wochen veröffentlicht werden).
Maßstab Professionalität: Ist es nicht so: Ein Journalist, der schlecht recherchiert und nicht objektiv berichtet, zeugt von mangelndem Handwerk und Professionalität. Ein bloggender Kaninchenzüchter verdient schon Respekt, wenn er seine “Kundschaft” unterhaltsam und informativ bei der Stange halten kann; eine fundierte Recherche dagegen verdient genausoviel Hochachtung wie der prämierte deutsche Riese im Stall eines Alpha-Reporters.
Eine aktuelle Studie, kurz zusammengefasst im PR-Journal, belegt die mittlerweile beachtliche Bedeutung von Web 2.0-Angeboten insgesamt für die tägliche journalistische Arbeit, und zwar hauptsächlich für Recherchen, Themenfindung etc. Dass auch dort nachrecherchiert werden muss, weil die Glaubwürdigkeit der Quelle nicht als gottgegeben angesehen werden kann – ist das nicht Standard, egal, welche Quelle man über welches Medium erreicht? Ein bisschen mehr Demut tut wohl allen Seiten gut in diesem etwas würdelosen Gezänk.
Verstehen könnte ich übrigens gut, wenn viele Journalisten die populären Blogs um ihre Möglichkeiten zur Emotionalisierung, Provokation etc. beneiden, immerhin ist das sicherlich, gut gemacht, einer der reizvollsten Gründe, sich nebem dem häufig aus Agenturmeldungen gekochten Einheitsbrei durch die Blogs zu lesen. Für alle, die eine informative Mischung aus guter Schreibe und interessanten Stories mögen, deswegen etwas Off-Topic meine Urlaubs-Leseempfehlung: Helge Timmerberg (“Tiger fressen keine Yogis” oder, noch ungetestet, “In 80 Tagen um die Welt”).
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