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Guttenbergs Crowd. Oder: Wie das Web 2.0 politische Diskussionen verändert.

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Es kann nur ein Thema geben.

Politische Diskussionen in Deutschland kannten in den letzten Wochen fast ausnahmslos nur ein Thema: Die Plagiatsaffäre des ehemaligen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg. Man debattierte über alle Gesellschaftsschichten und Medienkanäle hinweg über Recht und Unrecht, Moral oder Leistung des Ministers. Nichts Neues für ein demokratisches Land? Doch. Denn den, in vorangegangen Politdiskussionen auf Meinungsaustausch beschränkten, Diskutanten wird eine neue Rolle zuteil: Sie gestalten aktiv den Verlauf der Diskussion mit. Der nachfolgende chronologische Abriss zeigt, welche Bewegungen sich aus diesem Aktionismus ergeben haben.

Crowdsourcing-Effekt am Beispiel der Guttenberg-Plagiatsaffäre

 

Totale Vernetzung.

Die Grafik macht eines ganz deutlich: Im Fall Guttenberg ist die massenhafte Mobilisierung zwecks breitenwirksamer Aktionen am schnellsten und effizientesten mithilfe der kommunikativen Möglichkeiten des Webs gelungen. Selbstredend bedarf es neben der technischen Plattform eine gemeinsame „Leit-Motivation“, welche in der maßgeblichen Zielgruppe durch die bereits vor der Affäre vorhandene Medienpräsenz des Ministers schnell gefunden war. Und es braucht auch im Netz immer einen, der sozusagen den „Stein ins Rollen bringt“. Gestartet hat das Guttenberg-Crowdsourcing ein junger Doktorand, der die Netzgemeinde dazu aufrief, mitzuarbeiten an einer „kollaborative[n] Dokumentation der Plagiate“. In kürzester Zeit konnten die User über die so ins Leben gerufene Plattform GuttenPlag Wiki auf 82% aller Seiten der Dissertation Plagiatsstellen veröffentlichen und kategorisieren. Einen wichtigen mobilisierenden Effekt hatte für diesen Erfolg vor allem das „Sprachrohr“ des Wikis: der Twitter-Account des Gründers informierte über den aktuellen Stand der Dinge und kommunizierte laufend neue Aufgaben an die Unterstützer. Die zunehmende Polarisierung der Debatte spiegelte sich dann vor allem in Facebook wieder. Anhänger und Gegner von Karl-Theodor zu Guttenberg machten durch eigene Gruppen wie „Wir wollen Guttenberg zurück“ aufmerksam – mit Zuwachsraten von „mehr als 510.000 neue[n] “Gefällt mir”-Angaben binnen drei Tagen“ eine große Bewegungswelle. Auch oder gerade deshalb nahm auch die Blogosphäre das Treiben der Communities mit teilweise kritischem Ton bezüglich der Zahlen in ihre Agenden auf, und YouTube zeigte zudem eine satirische Sicht auf die Geschehnisse. Maßgeblich beteiligt an der Verzahnung sind aber auch die traditionellen Medien – ihre in Top-Storys platzierten Rückverweise auf die Aktionen der Crowd, bescheren GuttenPlag Wiki & Co. nicht nur neue Anhänger, sondern fördern ganz nebenbei auch deren Image und Glaubwürdigkeit. Am Ende dieser Kette aus Euphorie, Motivation und Innovation steht ein beispielhaftes, kanalübergreifendes Wechselspiel mit unüberschaubarer Masse an weltweiten Kommentaren – online wie offline.

Beispielhafter Effekt. Aber was bleibt?

Sicher ist: es gibt einen messbaren Erfolg der interaktiven Wertschöpfung der Netzöffentlichkeit zum Thema Guttenberg. Zahlen, Statistiken und Wachstumsraten aller Social Media Plattformen sprechen diesbezüglich genauso für den Erfolg des Crowdsourcing wie die Berichte der deutschen Leitmedien über eben diese. Gerade zwischen klassischen und neuen Medien wird momentan kontrovers diskutiert, welche Wirkung Crowdsourcing über die Aktivitäten im Internet hinausgehend haben kann. Noch haben Spiegel, FAZ und Bild eine zentrale Rolle im ersten Web-Politikthriller gespielt, aber in der Zukunft wird sich zeigen, ob deren investigative Aufgaben nicht effizienter vom „Mitmach-Netz“ gelöst werden können. Die zentrale Frage ist, ob der virtuelle Hype mehr ist als eine kurzfristige Vernetzung bis zum nächsten emotionalen Thema, ob die mitbestimmende Gruppe der aktiven Internetuser den Sprung aus dem Netz auf die Straße schafft. Die Teilnehmerzahlen der über Facebook organisierten Demonstrationen für eine Rückkehr Guttenbergs bezeugen aktuell zumindest Gegenteiliges.

Ein Kommentar

  1. Zu Guttenberg wird ohne Frage in die Politik zurückkehren, die absolute Ruhe um ihn jetzt spielt ihm doch in die Karten. Auch, wenn ich ihn nicht mag, könte man gegen einen Wiedereinstieg von ihm in die Politik wenig sagen. Da sind andere schon nach ganz anderen Affären zurückgekommen.

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