E2.0? Knowledge Worker 1.0!
18. Oktober 2006 · von Jörg Hoewner · 5 Minuten Lesedauer · 1 Kommentar
Autor: Jörg Hoewner Im Optimize-Magazin gibt es ein Interview, das mit zum besten gehört, was ich über Enterprise 2.0 gelesen habe. Interviewt wurden Andrew McAfee, einer der Evangelisten des Begriffs „Enterprise 2.0“ und J.P. Rangaswami, CIO bei Dresdner Kleinwort Wasserstein, die im Bereich Social Software-Nutzung ziemlich weit vorne sind. Die beiden machen ein paar sehr interessante Punkte auf: Während „normale“ Enterprisesoftware Arbeitsabläufe in vordefinierte Strukturen (Workflows) presst, gibt es beim Einsatz von Social Software nur sehr schwache regeln. Aber:
„The opposite of an imposed structure is not chaos. With these tools, the opposite of an imposed structure is an emergent structure, one that forms over time based on the interactions of a lot of people.“ (McAfee)
Das erfordert natürlich eine Menge Vertrauen in die Mitarbeiter eines Unternehmens – oder umgekehrt: Es setzt voraus, dass man aus Unternehmenssicht Kontrolle abgibt. Für den Mitarbeiter auf der anderen Seite bedeutet das mehr Kontrolle. Rangaswami macht das am Vergleich Intranet vs. Wiki klar:
„And almost naturally, I’ve seen this migration over time, where our wikipedia has pretty much killed our intranet and the information is live because people can actually correct it. The incentive to correct [information] may have been there in the past, but the ability and the empowerment to correct it didn’t exist. So now, when someone wants a policy improved, the transaction cost of doing that is low. You do it because it makes a job easier.“
Motivatoren, Social Software überhaupt einzusetzen, waren laut Rangaswami 1. die geringen Kosten, 2. das Gefühl, etwas gegen den Information overflow zu tun („because their productivity tools had gone unproductive on them“) und 3. der Generationswechsel, der stattfindet: Leute, die heute in den Job starten, sind es einfach gewohnt, mit browser-basierten Anwendungen, mit Wikis, mit Instant Messengern, etc. umzugehen. Offensichtlich werden die neuen Möglichkeiten akzeptiert. Bei 4.000 Mitarbeitern nutzen 2/3 aktiv Wikis und es gibt 300 Bloggern (fast 10%!), von denen viele eben auch für externe Zielgruppen bloggen, denn:
„Investment banking in its prior forms has always been about relationships and trust and information and conversations. All we’re able to do now is make all these conversations have a relatively low cost of entry and participation, [and] a relatively low cost for search and syndication and retrieval.“ (Rangswami)
Das ist ein sehr interessanter Punkt, denn er führt zur Anschlussfrage, in welchen Branchen und Anwendungsfällen man wieder mehr Information, Beratung und Dialog mit dem Kunden initiieren kann durch Social Software. Gerade in beratungsintensiven Branchen ist das doch eine Chance, wieder zurück in den Dialog zu kehren. Das Abschlusszitat von Rangaswami zum Begriff „Enterprise 2.0“:
„Part of me says Andrew is right when he calls it Enterprise 2.0. But Andrew is also wrong: It should be Knowledge Worker 1.0, because we’ve never had an environment for the knowledge worker before.“
Klingt alles sehr positiv, daher finde ich auch das folgende Zitat von Thomas Davenport (im gleichen Artikel in einem Seitenkasten) bedenkenswert, weil man die darin ausgedrückte Feststellung einfach nicht wegdiskutieren kann:
„Let’s face it: The world is a hierarchical place. Some people have more power than others, and they don’t want their judgments questioned by lower-level individuals who happen to own a keyboard. Some people know more than others. Some people are better writers than others. Even when we allow people to freely express their online opinions, some opinions end up being more important than others. We can wish that power and capability were more evenly distributed, but a set of technologies isn’t going to make it so. Looks like we’re still in Enterprise 1.0 after all.“ (Thomas Davenport, research director of Babson College’s Babson Executive Education)
Aber, um das wieder zu relativieren: Die Hürden werden niedriger – und das kann vielleicht auch einen qualitativen Sprung auslösen. Verwandte Beiträge dazu: >> Beiträge über Enterprise 2.0
Enterprise 2.0: Tools für den Unternehmenseinsatz
8. Oktober 2006 · von Jörg Hoewner · 2 Minuten Lesedauer · Keine Kommentare
Autor: Jörg Hoewner
Christine Herron weist in Ihrem Beitrag „Web 2.0 Consumer Technology Hits the Enterprise“ auf einige Enterprise2.0-Lösungen hin. Von denen, die sie dort vorstellt, möchte ich besonders hervorheben:
- MindTouch Dekibox: Im Prinzip ein fertig aufgesetzter Server mit einer von MindTouch entwickelten Collaboration-Software, die nach dem Wiki-Prinzip funktioniert. Auf der Site lassen sich dazu Flash-Demos anschauen und was man dort sieht, sieht sehr nutzerfreundlich aus und könnte gerade für kleine und mittlere Unternehmen den Einstieg in Web2.0-Technologien erleichtern. Wie ich schon häufiger geschrieben habe, halte ich die Usability von Web2.0-Anwendungen immer noch für unzureichend, um gerade auch nicht-IT-affine Mitarbeiter in Unternehmen zur Nutzung solcher Tools zu motivieren.
- Think Free: Wieder eine Online-Office-Anwendung, aber hier: Ein Word- UND Excel- und Powerpoint-Pendant, web-gestützt, Mac-fähig, MS Office-kompatibel, usable, etc.. Vielversprechend. In der Beta-Phase mit 1 GB freiem Speicher.
In dieser Hinsicht klingt auch das Angebot von Koral („Content collaboration“) interessant, bei dem die Inhalte durch Tagging-Mechanismen recht nutzerfreundlich organisiert werden können. Leider kann man sich hier keine Demo anschauen: Invitation only…
In eine andere Kategorie fällt BuzzLogic, welches ein Monitoring- und Evaluations-Service ist, mit dem Social Media-Aktivitäten identifiziert, die Vernetzung einzelner Plattformen untereinander visualisiert und gemessen werden kann. Das alles scheinbar unter sehr ansprechenden Nutzeroberfläche.
Fragezeichen hinter Enterprise2.0?
5. Oktober 2006 · von Jörg Hoewner · 3 Minuten Lesedauer · Keine Kommentare
Autor: Jörg Hoewner
Dion Hinchcliffe (Enterprise2.0-Blog) hat einen hervorragenden Beitrag geschrieben zu der Frage, ob Web 2.0 an Unternehmensbedürfnisse angepasst werden kann. Er bezieht sich dabei auf einen Vortrag von Andrew McAfee, der einige wichtige Punkte angesprochen hat. Die Kernthesen:
- Problem Akzeptanz: Mitarbeiter in Unternehmen haben zwar nicht die Auswahl an Softwarealternativen wie „Consumer“, aber letztlich neigen sie dazu, sich in der Nutzung immer auf die Anwendungen zu beschränken, die bekannt und relativ einfach zu bedienen sind, also Office-Produkte und das gute alte E-mail-Programm.
- IT-Verantwortliche in Unternehmen neigen dazu, sich auf Anwendungsfeatures und vorbestimmte Prozesse zu fokussieren und verlieren dabei häufig aus dem Blick, eventuell ungeplante positive Wirkungen (z.B. Kreativitätsgewinne, kulturelle Effekte) zu untersuchen und bei der weiteren Entwicklung darauf aufzubauen.
- Was noch fehlt, seien wirklich überzeugende Beispiele für den Einsatz von E2.0, die auch einen qualitativen Sprung gegenüber klassischen Anwendungen darstellen.
- Wenn man die Zahl derjenigen Web2.0-Nutzer nimmt, die wirklich aktiv an der Content-Generierung teilnehmen (siehe Beitrag von mir dazu) – und diese Zahl auf Unternehmensverhältnisse überträgt – dann sieht es für Enterprise 2.0 mau aus, weil einfach zu wenige Nutzer teilnehmen.
Hinchcliffe schliesst seinen Beitrag mit einer Anforderung ab: Im Entwicklungsprozess muss viel stärker mit den Mitarbeitern („co-developed“) an Anwendungen gearbeitet werden, weniger für die Mitarbeiter. Was dazu führen mag, dass es mehr situationsorientierte Lösungen gibt, die eine Reaktion auf die sich ständig ändernden Bedürfnisse von Mitarbeitern sein können.
Meiner Meinung nach ist das nur ein – wenn auch wichtiger – Ansatzpunkt. Innerhalb eines Unternehmens sind für einen solchen Akzeptanzschaffungs-Prozess eine ganze Reihe von Ansatzpunkten nötig, die als Ganzes angegangen werden müssen. Das Problem ist jedoch, dass die Herausforderung, Mitarbeiter an neue Prozesse, an neue Tools heranzuführen, häufig sowohl von der IT, als auch von Kommunikations- und HR-Verantwortlichen unterschätzt wird und immer nur partiell an der Implementierung herumgedoktert wird. Nach dem Motto: „Wir müssen da was tun, also machen wir mal ein bisschen Interne Kommunikation.“ Nur: So funktioniert das nicht.
Verwandte Beiträge dazu:
>>Weitere Beiträge zu Enterprise2.0
In eigener Sache: K12 will Kommunikation verändern
4. September 2006 · von Jörg Hoewner · 1 Minute Lesedauer · 1 Kommentar
Autor: Jörg Hoewner
Liebe Leser,
ich möchte an dieser Stelle auf eine kleine Presseinformation in eigener Sache hinweisen zum Agenturstart von K12 – Agentur für Kommunikation und Innovation:
http://www.k-zwoelf.com/presse/latest/presse.html
In unserem Ansatz versuchen wir, Ansätze aus der Changekommunikation und Onlinekommunikation zu synthetisieren und so für die Unternehmenskommunikation und darüber hinaus gehende Kommunikationsaufgaben nutzbar zu machen.
Für dieses Blog bedeutet das, dass ich (hoffentlich!) noch zwei weitere Mitschreiber haben werde, d.h. mehr Inhalte – und das alles kostenlos. 😉
Und nun bin ich gespannt auf die Zukunft.
Ihr
Jörg Hoewner
Corporate blogging als strategisches Werkzeug: Der OODA-Loop
29. August 2006 · von Jörg Hoewner · 3 Minuten Lesedauer · 1 Kommentar
Autor: Jörg Hoewner
Seit einigen Tagen unter meinen Bookmarks geparkt habe ich einen höchst faszinierenden Beitrag von Jesper Bindslev auf „E-mediate“. Der Titel: „Strategic Agility and Corporate Blogging – The OODA loop as a model for organizing corporate blogging activities.“
Was steckt dahinter?
- Bloggen ermöglicht es Teams, einzelnen Mitarbeitern und ganzen Abteilungen sich schneller zu orientieren, schneller zu reagieren und proagieren, wenn es um die Verarbeitung von Umweltinformationen und -veränderungen geht. Es ermöglicht dadurch das, was mit „Strategic Agility“ bezeichnet wird, zu Deutsch vielleicht „Gewandheit“, „Anpassungsfähigkeit“, „Beweglichkeit“. Also ein Überlebensfaktor in einer sich schnell wandelnden Umwelt, weil es einfach nicht möglich ist, alles im Voraus zu planen.
- Für den Zusammenhang von Informationsgewinnung, -verarbeitung, Entscheidung und Aktion gibt es ein Modell, den OODA-Loop, der aus dem militärischen Bereich kommt (Erdenker: John Boyd) und zunehmend im ökonomischen Bereich Beachtung findet:
- Die Beobachtung („Observation“) von unterschiedlichsten Strömungen – Trends, Meinungen, Diskussionen, Mikro-Informationen – z.B. via RSS sind ein ungeheuer effizienter Weg, um Umweltinformationen in kondensierter Form zu bekommen.
- Die interne Weiterverarbeitung („Orientation“) kann dabei durch Web2.0-Technologien (Blogs, Wikis) und deren organisatorische Voraussetzungen/Folgen (Offenheit, Gruppenarbeit, Netzwerkeffekte) ebenfalls effizienter als bisher möglich unterstützt werden.
- Der Knackpunkt ist, dass durch das Spannungsverhältnis von Vorwissen/kulturellen Gegebenheiten, von Beobachtung und Orientierung eine laufende Re-Orientierung, also Anders-Bewertung, der jeweiligen Umwelt stattfinden kann, aus denen letztlich die Chance für einen Vorteil erwächst:„In those mismatches lie opportunities to seize advantage – the re-orientation taking place through conversations about the new feedback leads to improved performance and agility for the teams involved.“
Ich habe das jetzt natürlich verkürzt und möchte hiermit zum Lesen des Original-Beitrags animieren.
Das gehört so mit zum Besten, was ich zum Thema Corporate Blogging aus übergeordneter Sicht gelesen habe. Gerade in Bezug auf das Verständnis von Innovationsprozessen, internen Kommunikations- und Veränderungsprozessen ist das Modell ein Gewinn.
Zeit, sich mit John Boyd zu befassen?
