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Die Hand am Floskel-Puls

9. Dezember 2022 · von Maike Liess · Keine Kommentare

„Was auch zur Wahrheit dazugehört …“ Kennen wir, die Redewendung – oder? Diese Phrase dreschen Talk-Show-Gäste und Politiker:innen gerne für das meinungshungrige Publikum. Sprachlich flankieren sie das geflügelte Wort mit der Forderung, sich „ehrlich zu machen“. „Ganz ehrlich?“ im Duden findet sich die umgangssprachliche Wendung noch nicht. Was uns diese moderne deutsche Redensart aber über die bisherigen Aussagen ihrer Anwender:innen sagt und wie sich in Floskeln gesamtgesellschaftliche Stimmungen widerspiegeln? Wir haben eine sprachliche Zeitreise unternommen und ein paar Souvenirs mitgebracht. Eine Glosse.

Das hat tief gesessen: All die Jahre hat uns Putin schlicht und einfach belogen und betrogen! Wer hätte es gedacht? Es ging ihm um Macht und nie um den Handel unter ehrlichen Kaufleuten. Die empörte Verwunderung darüber ist fast schon naiv, passt aber gut in die Zeit. Denn wir im Westen fahren einen anderen Kurs: Wir „machen uns ehrlich“ in letzter Zeit. Einer Recherche nach geht diese Floskel zwar bereits auf Franz Müntefering zurück – Gott hab ihn selig –, aber sie erlebt momentan eine besondere Konjunktur.

Zeit der Verletzlichkeit

Während Münte mit dieser Redewendung des „sich ehrlich Machen“ sicherlich den Eindruck der Volksnähe suchte, hinterlässt sie jetzt vor allem jenen der Verletzlichkeit. Sich ehrlich machen – das klingt fast so wie „sich nackig machen“. Und das sind wir derzeit ja auch: sehr verletzlich. Corona-Pandemie, das Zusammenbrechen der globalen Märkte, Spaltung der Gesellschaft, Krieg – der Schock darüber hat dazu geführt, dass wir auf einmal alle nochmal in uns gehen und bekennen: „Ganz ehrlich? Das hätte man auch besser machen können.“ Dieses „Ganz ehrlich? …“ leitet derzeit viele Gespräche ein und es drängt sich der Gedanke auf, dass alles zuvor Gesagte nur eine geschönte Realität darstellte.

Wie soll man darauf antworten? Vielleicht kontert man mit einer Gegen-Floskel: „Was zur Wahrheit dazugehört“. Sie trended ebenfalls seit einigen Monaten im Ranking der beliebten Phrasen. Was wir damit unterstellen? Dass es sie gibt, diese eine Wahrheit, und das verengt damit unsere Realität.

Zeit der Unsicherheit

Dabei reicht ein Blick in die sozialen Medien, ein Gang über den Marktplatz, ein Besuch auf dem Spielplatz, um sich wieder dessen zu vergewissern, dass es etwa acht Milliarden Wahrheiten auf dieser Welt gibt. Indem wir vorgeben, es gäbe diese eine Wahrheit, auf die wir uns einigen können, blenden wir diese Perspektiven aus und lassen wirklich differenzierte Betrachtungen außen vor. Denn das wünschen wir uns momentan wahrscheinlich mehr als alles andere: Einmal mit Sicherheit etwas glauben zu können. Ist das der Grund dafür, dass wir uns so gerne in unseren Filterblasen verschanzen, in denen wir uns unsere eigene Meinung immer wieder bestätigen lassen? Schade nur: So viel Offenheit die Floskel annehmen lässt, so abschließend ist sie. Damit setzen wir einen Schlusspunkt in der Diskussion – ähnlich wie durch die Einleitung „Fakt ist …“. Beides erlaubt keine Widerrede. Dennoch versichern wir uns gleichzeitig, dass es keine „Denk- und Sprechverbote“ geben dürfe. Guter Ansatz, schlecht umgesetzt: Denn das öffnet das Feld für Argumentationen, die wir schon längst geklärt wähnten. Unsäglich, aus meiner Sicht: Es gibt einige wenige Werte, die müssen wir nicht immer wieder infrage stellen: Menschenwürde, Solidarität, Rücksicht, beispielsweise. Und die, die so vehement gegen Denkverbote wettern, stellen meist mit populistischer Brandstiftung diese Werte in Frage.

Zeit der Entscheidungen

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Verantwortliches Denken auf der Grundlage von Fakten ist auch bei mir höchstwillkommen und gerne gesehen. Ein Hoch auf den Faktencheck und die Fake-News-Aufdecker:innen! Sie erleichtern und erschweren es uns zugleich, uns in dieser verrückten Zeit zurechtzufinden – wenn wir bereit sind, an der richtigen Stelle den Kopf einzuschalten und Grauzonen zulassen. Dann ist es auch möglich, eine informierte Entscheidung zu treffen. Und das wiederum ist eine Voraussetzung für die ebenfalls häufig beschworene „Eigenverantwortung“. Sie basiert darauf, dass wir die vorliegenden Informationen hinterfragen und die richtigen Schlüsse ziehen. Wenn wir uns darauf verlassen könnten, gäbe es wahrscheinlich sehr viel weniger Diskussionen um Regeln und die Menschen würden einfach klug handeln.

Zeit der Bürokraten

Doch Stopp: „Einfach handeln“ ist in Zeiten wie diesen zu wenig. Wenn alles strengen Regeln unterliegt, gilt es nur noch, die Welt nach diesen Vorgaben zu „organisieren“. Auch dieses Wort wird auf vieles angewendet: Wir organisieren Demokratie, Kultur, Gerechtigkeit und greifen dafür tief in den „Instrumentenkasten“. Organisieren setzt meiner Meinung nach in Krisenzeiten zu tief an und umgeht die notwendige Besinnung und Ausrichtung auf unsere gemeinsamen Werte. Was aber, wenn diese Werte aus populistischen Gründen nicht mehr verfangen (siehe oben)? Ist das „Organisieren“ also nur ein Ausdruck unserer Orientierungs- und Hilflosigkeit?

Zeit der Beschwörung

Einen Höhepunkt dieser Gefühle erlebten wir zu Beginn der Pandemie. Als wir alle keine Handlungsoptionen sahen, blieb uns die Beschwörungsformel „Bleiben Sie gesund!“. Keine Mail, keine Talk-Show, die nicht damit geschlossen wurde. Als ob es damals wirklich in unserer Hand gelegen hätte. Vielleicht war das aber auch ein Ausläufer aus sicheren Zeiten, in denen wir uns bei jeder Gelegenheit bestätigten, „alles richtig gemacht“ zu haben und „Alles gut!“ war. Auch hier: Siehe oben! Können und müssen wir immer das Optimum erreichen und es damit allen recht machen? Ich habe da so meine Zweifel. Sympathischer ist mir da schon die damals häufig getroffene Aussage: „Wir sind auf einem guten Weg“. Mit dieser Zuversicht und dem Eingeständnis, dass die Dinge noch besser werden können, lässt sich arbeiten. Ob auch wirklich alles getan wird, um den Weg in angemessener Zeit zu beschreiten, steht dann wieder auf einem anderen Blatt.

Frage in eigener Sache

Geht es Ihnen auch so? Seit mir aufgefallen ist, wie sehr trendende Floskeln ein Indikator für unsere allgemeine Gefühlslage sind, frage ich mich immer häufiger, was sie wirklich bedeuten. Und ja – vielleicht bin ich etwas überempfindlich geworden. Denn schnell regt sich bei mir innerer Widerstand, wenn diese Redewendungen beim genaueren Hinsehen inhaltsleer sind. „Der Mensch im Mittelpunkt“ gehört beispielsweise dazu. Und wenn sie grammatikalisch falsch sind, geht’s mir einfach schlecht: So hat es zum Beispiel lange gedauert, bis die breite Öffentlichkeit auf den Trichter kam, dass man sich nicht selbst entschuldigen kann, sondern lediglich um Entschuldigung bitten sollte. Ähnlich leide ich, wenn ich aufgefordert werde, „gerne“ zu schreiben oder anzurufen. Die Entscheidung, ob ich gerne anrufe, liegt bei mir. Können wir dieses „gerne“ nicht einfach etwas bedachtsamer einsetzen? Warum kann man heute nicht einfach sagen: „Ruf mich bitte an!“ oder „Ich bin gerne für dich da, wenn du anrufen möchtest!“. Aber, ich fürchte: Das führt wahrscheinlich zu weit …

Autor: Maike Liess

Maike Liess ist Redakteurin bei K12 - Agentur für Kommunikation und Innovation in Düsseldorf. Nach Studium und 10 Jahren als freie Autorin in der Unternehmenskommunikation erkundet sie hier seit Juli 2012 unter anderem die Möglichkeiten des Corporate Publishing.

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