K12

Perfekte Welle auf der stART 2010

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Donnerstag morgen, kurz vor elf in Duisburg und ich muss schmunzeln ob des tollkühnen Claims der diesjährigen stART 2010 – „Riding the Avalanche“ war mir bisher noch gar nicht aufgefallen. Da nimmt ja mal Jemand den Mund voll. Üblicherweise sorgen Lawinen doch eher für Grauen, Opfer, nasse Kälte; meine positivste Assoziation sind noch sabbernde Bernhardiner mit  Whisky-Fässchen um den Hals.
Freitag abend, kurz nach fünf: Ganz seltsamer Effekt. Keine Spur von Müdigkeit oder Frust über vielversprechende und nichtssagende Vorträge wie so häufig nach solchen Veranstaltungen, sondern ein wohliger Flow – diese Konferenz hat sich über zwei Tage wirklich zur perfekten Welle gemausert und ich könnte gut noch ein Weilchen weitersurfen.

Nun, wer mich kennt, weiß, wie fern mir die uneingeschränkte Lobhudelei üblicherweise liegt. Darum sollte ich das wohl begründen (die Reihenfolge gibt dabei keine Priorisierung wieder):

  • Getragen wurde die ganze Veranstaltung von einem wissbegierigen, teilnehmenden, diskussionsfreudigen Publikum – das versammelte Kulturvolk war weit von Schockstarre entfernt, sondern enorm gut gelaunt, produktiv und aufgeschlossen. Hier könnte sich so mancher Konzern mit einem Vielfachen an Ressourcen eine Scheibe Tatendrang und Mut abschneiden (Dieser Punkt gehört vielleicht doch ad eins).
  • Die Organisation: Unglaublich, was drei vier Organisatoren „so nebenbei“ gewuppt haben – von der Anmeldung bis zum Tschüss-Sagen lief alles wie am Schnürchen, die Pausen waren lang genug, um nach Currywurst und Gesprächen wieder pünktlich in der Veranstaltung zu sitzen, fiel ein Vortrag aus, gab’s zwei neue zum Trost, aber vielleicht bilde ich mir das nur ein.  Ein Wahnsinns-Aufgebot an Rednern, die alle sowohl die innere Stoppuhr laufen hatten als auch professionelle Präsentationen (bei meiner Auswahl zumindest). Ein Moderator (Frank Tentler), der grandios aufs Wesentliche pochte („nur schlechte Erfahrungen und was Sie daraus gelernt haben, bitte“) und das Publikum ins Gespräch holte. Einziger Kritikpunkt: Wie, bitte, soll man sich zwischen teilweise sieben guten Angeboten parallel entscheiden?!? Ich wurde gelegentlich zur Veranstaltungs-“Hopperin“, weil ich einfach nichts verpassen wollte. Diese fürchterliche Belastung massierte der freundliche Massage-Service zum Nachtisch weg, für lau.
  • Die Inhalte. Ein Mix aus Best Practise, interessanten Geschäftmodellen, Diskussionen und wissenschaftlichen Diskursen. Selbst letztere waren keine selbstverliebten Exkurse, sondern hatten ein „Versöhnungsbedürfnis“ (Patrick Breitenbach, “Kulturkommerzialisierung ohne Gesichtsverlust”) oder fokussierten auf den gesunden Menschenverstand, dem überhaupt immer wieder gehuldigt wurde in diesen zwei Tagen („Don’t ask me to marry you after the first date“ – Marc van Bree: „A framework for Social Media Strategy“, eines meiner Highlights, oder auch Frank Tentlers gebetsmühlenartiges „Sie kommunizieren da mit ECHTEN MENSCHEN“). Scheinbar dröge Stoffe wie „Recht in Social Media“, von Henning Krieg unterhaltsam auf Praxistipps eingedampft. Die Erinnerung daran, worum es geht, nämlich den Abstand zu verringern zwischen Sender und Empfänger, was super geht mit einem Gerät wie dem iPhone, das man am Körper trägt und „sogar streichelt“ (Carsten Winter in seinem Eröffnungsvortrag. Von ihm auch das schöne Beispiel für „Ausdifferenzierung in der Kultur“ anhand des Fernsehens: Irgendwann einmal war es eine Herausforderung, regelmäßig ‘Bonanza’ zu sehen. Dann wurde es schon schwieriger, dank ‘Dallas’ („plötzlich waren da Frauen!“). In den Achtzigern `’Miami Vice’ (wer ist gut, wer, ist böse?) und irgendwann dann ’24’ (alle sind alles, und das gleichzeitig).

Was bleibt von der StART 2010?

Ein paar Eindrücke, die sich noch sortieren wollen:

  • Neues Selbstbewusstsein für „weiche“ Erfolgsfaktoren (Nicole Simon: „Wenn Sie einen Zahlenmenschen vor sich haben, geben Sie ihm irgendwelche Zahlen zum Spielen, beschäftigen Sie ihn“): „Earning Attention“ ist beinhart, alternativlos und gelingt nur, wenn die Ziele klar sind. Marc van Bree brachte diese nachhaltige Erfolgsorientierung mit dem Tipp „define a mission statement inspired goal“ auf den Punkt. Eine „harte“ Zahl fiel bei Christoph Müller-Girod: 14 Prozent Besucherzuwachs bei den Duisburger Philharmonikern nach nur einem halben Jahr Social Media-Engagement; ergänzend zum mitschwingenden weichen Ziel „mehr junge Zuschauer zwischen den Silberrücken“.
    Die Erkenntnis, dass die meisten der Teilnehmer im letzten Jahr unglaublich viel gelernt haben – hauptsächlich durch Fehler (eine neue Fehlerkultur in deutschen Unternehmen und Institutionen? Ein Traum …).
  • Der auszuhaltende Gegensatz zwischen Bedrohungen (auch durch profanes „Abwarten“) und Möglichkeiten, die man aber auch erst einmal sehen muss („ALLOW people to become your evangelists!“- Shelley Bernstein). Ein kultureller Clash innerhalb der Institutionen, der auch schon einmal dazu führt, dass Marketingleiter nach enorm erfolgreichen Projekten wie der „Opera en el Mercado“ des Palau de les Arts in Valencia gefeuert werden, weil die Altvorderen jeglicher positiver Resonanz zum Trotz glauben, so viel Popularität passe nicht zu ihnen.
  • Die, für mich etwas ernüchternde, Einsicht, dass absurderweise niemand von der Vielfalt im Social Web so sehr profitiert wie die Wannabe-Monopolisten – keine Netzwerkaktivität ohne Facebook, keine erfolgversprechende App an iPod vorbei.

Und schließlich: Ein Haufen Videos, Präsentationen etc. zur stART hier und hier (Social Media Newsroom).

Aktualisierung 14.10.: das Echtzeit-Archiv mit Blogposts, Bildern, Präsentationen etc hier: http://bit.ly/stART10

Autor: Carina Waldhoff

Carina Waldhoff, Jg. 75, ist Kommunikationsberaterin bei der K12 – Agentur für Kommunikation und Innovation in Düsseldorf. Sie studierte Anglistik, Psychologie und Pädagogik in Bochum und Barcelona sowie Kultur- und Medienmanagement in Hamburg. In ihrer Diplomarbeit beschäftigte sie sich mit dem Nutzen von Corporate Citizenship für die Unternehmenskommunikation. Nach dem Studium arbeitete sie als Referatsleiterin Interne Kommunikation bei der Vereinigten IKK in Dortmund, anschließend als Junior Consultant bei CP/COMPARTNER in Essen und reiste dann ein Jahr durch Australien, wo sie auch zum ersten Mal bloggte.

3 Kommentare

  1. Liebe Carina,

    vielen Dank für deinen Beitrag zur stART10!

    Ob du es glaubst oder nicht: wir sind auch beim 2. Mal überrascht über den “Flow”, der sich da entwickelt hat. An einer Stelle dachte ich, wenn wir als Organisatoren plötzlich weg gewesen wären, wäre es trotzdem weiter gegangen.
    Das war ein unbeschreibliches Gefühl: loslassen und selbst als Verantwortlicher ein Teil der Veranstaltung zu sein.

    Keine Ahnung, wie das funktioniert. Aber die vielen freiwilligen HelferInnen waren unermüdlich.

    Nach einer stARTconference, aber auch schon nach einem stARTcamp wünsche ich mir immer, dass die Unternehmen, die ich berate und bei ihren Versuchen das Social Web zu betreten an die Hand nehme, nur ein klein wenig die Begeisterung hätten, die Kunst- und Kultur bei diesem Thema zeigen.
    Dabei könnten sie so sehr von einander profitieren: der eine hat die Abenteuer und Community, der ander das nötige Geld diese Abenteuer erzählen zu lassen und so ebenfalls auf der “Perfekten Welle” zu surfen.
    Dafür müssten Unternehmen aber verstehen, welchen Wert diese Kommunikation in den digitalen Welten der Menschen hat und sie müsten ihre Marketing-Einstellung ändern.

    Einige (s. Old Spice http://bit.ly/ctb8gI) haben es begriffen.

    Vielen Dank noch einmal für deine Worte!
    Frank

    …2 Hinweise noch: wir sind zu 4. (http://bit.ly/dvdRJ6 ; )) und es gibt ein übersichtliches stART10-Echtzeit-Archiv, das sich aus den Beiträgen im Social Web aggregiert: http://bit.ly/stART10 . Immerhin finden sich dort schon über 100 Links zur Konferenz.

  2. Hallo Frank,

    mea culpa (“mit Zahlen hab ich’s nicht so”): Natürlich ward ihr zu viert; ich wollte niemanden hinten rüber fallen lassen. Auch den Link auf die Flavora-Seite habe ich ergänzt.

    Und was Old Spice angeht: geniale Kampagne, aber so einen archaischen Sinn wie den Geruchssinn zu überlisten vermag sie nicht – das Zeug riecht trotz der positiven Assoziationeher modrig als würzig; sobald es eine neue Rezeptur für “Old Spice junior” (Young Spice?) gibt, bekommt’s bei mir als “Lady”-Zielgruppe noch eine Chance. ;-)

  3. Hej! Wie wäre es mit Spice Girls ;-))

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