K12

Wahrnehmungen im Ukraine-Krieg

17. März 2022 · von Jörg Hoewner · 1 Kommentar

Wir haben lange überlegt, ob wir die schon vor dem Ukraine-Krieg geplanten #K12Leaks einfach so rausschicken. Oder ob wir stattdessen Ukraine-Fahnen oder Peace-Parolen posten. Wir finden beides nicht passend. Das eine ist ignorant, das andere wohlfeil. Stattdessen will ich mit euch meine Gedanken dazu teilen, was in der Vorgeschichte und auch jetzt kommunikativ zu beobachten ist – und welche Folgen sich daraus ergeben.

Wahrnehmung und Kommunikation

Ein Leitsatz bei der Studie von internationalen Beziehungen lautet, dass Ziele und (Wahrnehmungs-) Perspektiven von Staaten deren Handeln bestimmen. Ziele und Perspektiven wiederum sind geprägt von Werten, Interessen und Ideologien (Walter S. Jones: The Logic of International Relations). Da kein Akteur allein auf der internationalen Bühne ist, muss jeder zugleich die Perspektiven und Ziele der anderen kennen und im eigenen Handeln berücksichtigen. Das heißt, jeder arbeitet mit Hypothesen über die Perspektive der anderen. Damit sind wir auch schon bei der Rolle von Kommunikation: Denn ohne Kommunikation kein Austausch über Interessen und gegenseitige Wahrnehmungen. Und hier scheint gehörig etwas schiefgegangen zu sein.

In der Vergangenheit wurde viel über den Dialog mit Russland geredet, auch miteinander geredet. Aber diese Kommunikation hat offenbar kaum zu einem besseren Verständnis der gegenseitigen Wahrnehmungen beigetragen. Für unsere speziell deutsche Perspektive lässt sich das sehr schön daran festmachen, dass wir seit dem Ende des Kalten Krieges grundsätzlich davon ausgegangen sind, dass das Militärische und traditionelle Machtpolitik im Europa des 21. Jahrhunderts keine Rolle mehr spielen und Frieden der höchste Wert an sich ist. Wir sind davon ausgegangen, dass ein Wandel durch Handel und die dadurch entstehenden wirtschaftlichen Verflechtungen und gegenseitigen Abhängigkeiten Konflikte unwahrscheinlich machen. Das war eine stark ökonomisch geprägte Perspektive, die nicht-ökonomische Motive nur noch am Rande wahrgenommen hat.

Auf der russischen Seite wurde seit Jahren von „legitimen Sicherheitsinteressen“ gesprochen, von Einflusssphären und einer wahrgenommenen Bedrohung. Es war faktisch beobachtbar, dass in mehreren Fällen (Tschetschenien, Georgien, Krim) Krieg als legitimes Mittel der Politik eingesetzt wurde. Es wurde auch offen diskutiert, beispielsweise im russischen Fernsehen, wie denn der nächste Krieg aussehen würde. Ebenso beobachtbar war, dass nach 2008 massiv aufgerüstet wurde. Der Punkt dabei ist nicht, ob es um reale oder konstruierte Bedrohungen geht, sondern dass von russischer Seite historisch-politisch oder historisch-missionarisch argumentiert wurde: Die „russische Welt“ in einem Kampf gegen den „dekadenten Westen“. In einer solchen Logik ist Krieg rational.

Wenn zwei Denkweisen so grundsätzlich anders sind – historisch-missionarisch vs. pazifistisch und ökonomisch -, dann braucht es sehr starke „Übersetzungshilfen“ und einen Dialog, in dem man versucht die Denkweisen des Gegenübers zu verstehen und nicht die eigene auf den anderen zu projizieren. Doch genau das ist gerade von unserer deutschen Seite passiert. „Übersetzungshilfe“ bedeutet in diesem Zusammenhang nicht, Appeasement zu betreiben. Aber in Betracht zu ziehen, dass aus der Sichtweise des Anderen auch ganz andere Handlungen rational sein können. Rational als Mittel zu einem höheren, aus dieser Sicht legitimen, Zweck. Aus einer Einsicht heraus, dass Putin bereit ist, zum Letzten zu gehen, hätte man frühzeitiger nach alternativen Lösungen suchen müssen, die für uns, die osteuropäischen Nachbarn und für Russland gleichermaßen funktionieren.

Aus Kommunikationssicht betrachtet, befinden wir uns im ersten Internetkrieg der Geschichte, in dem beide Seiten das Netz und Social Media für ihre Zwecke einbinden. Die ukrainische Seite schafft es, dadurch eine breite Unterstützung herzustellen und die Meinungsbildung so zu beeinflussen, dass von „unten“ Druck auf Regierungen ausgeübt wird. Die russische Seite agiert mit Manipulations- und Desinformationskampagnen nach außen und einer Abkapselung und Gleichschaltung nach innen.

Plattformen wie Facebook und Instagram werden blockiert, auf der anderen Seite werden Plattformen wie AirBnB genutzt, um einfach Hilfsgelder in die Ukraine zu transferieren.

Wir sehen das Setzen von Frames, „Kampagnenbrandings“ (das Z-Zeichen) sowie „Pre-Bunking“ und „De-Bunking“-Aktivitäten der Amerikaner.

Propaganda im Krieg war schon immer ein Instrument, um Meinungen zu beeinflussen, Gegner zu demotivieren und Unterstützung zu organisieren. Das Besondere ist die große Rolle, die Social Media und überhaupt Onlinemedien dabei spielen. Es gibt eine Quasi-Echtzeit-Belieferung mit Bildern, deren Authentizität sich nur schwer überprüfen lässt. Wie wird sich das auswirken auf die Mobilisierung bei uns oder drüben, auf den Fortgang und Ausgang dieses Krieges? Darüber lässt sich derzeit nur spekulieren. Wir wissen es nicht, keiner weiß es, wenn man ehrlich ist.

Wie geht es weiter? 

Es gibt verschiedene plausible Szenarien und gute Politik bedeutet für mich, sich auf die wahrscheinlichsten Szenarien einzustellen. 

Aus meiner Sicht wissen wir bereits jetzt:

  • Das Ding ist nicht ein paar Monaten vorbei. Die Folgen für die Energieversorgung und für die Sicherheitsarchitektur werden uns auf Jahre hinaus beschäftigen, selbst, wenn es zu einem relativ schnellen Kriegsende kommen sollte.
  • Autarkie kostet und macht alles teurer. Das wird auch nicht nur ein kurzfristiger Effekt sein, Wirtschaftsminister Habeck hat den Zeitraum der nächsten zwei Jahre ins Gespräch gebracht. Ich würde das größer sehen, denn das, was durch Trump, Brexit und Corona eingeleitet und jetzt beschleunigt wurde, ist nicht weniger als ein schrittweiser Rückbau der Globalisierung. PS: Das ist jetzt das Pilotprojekt dafür, Globalisierung wieder abzuschaffen, liebe Globalisierungsgegner.
  • Preise werden weiter steigen, Energie bleibt teuer, andere Rohstoffe und Lebensmittel wie Getreide ebenfalls. Gleichzeitig werden Lieferketten noch fragiler und aufwendiger.
  • Sicherheit wird mehr kosten. Bei gleichzeitig drohender Rezession oder Stagflation. D.h. insgesamt sind die „fetten Jahre“ für die Haushalte vorbei.

Was für mich aus kommunikativer Sicht spannend wird zu sehen: Wie nimmt uns unsere Führung bei den sich abzeichnenden Veränderungen mit? In Bezug auf unsere Energieversorgung, Nahrungsmittelversorgung, Lieferketten und vor allem Sicherheit. Ich denke, wir haben einen Transformationsprozess im Turbomodus vor uns, der für alle Veränderungen, auch Opfer und Stress bedeuten.

Gibt es auch Licht?

Ja. 

Es ist ein Anlass, denen zu danken, die sich wieder beeindruckend engagieren und denen zu danken, die diese unterstützen. Und zu staunen, dass an so vielen Stellen Hilfsbereitschaft gezeigt wird und sich so unglaublich viel bewegt.

Es ist ein Anlass, uns als Europäer auf das Gemeinsame zu besinnen und gemeinsam an einer stärkeren Resilienz zu arbeiten. Gottlob ist mit Biden ein verantwortungsvoller Politiker im Weißen Haus. Was wäre wohl, wenn Trump noch Präsident wäre? Wie dem auch sei, wir sollten uns darauf einstellen, dass in zwei Jahren wieder ein Republikaner regiert, das ist dann der Zeitraum bis zu dem Europa strategisch einigermaßen autark sein müsste. 

Es ist ein Anlass zur Veränderung: In dieser Transformation müssen und sollten wir eine Chance sehen, schneller von fossilen Energieträgern loszukommen und damit sogar einen schnelleren Beitrag gegen den Klimawandel zu leisten. Es ist beeindruckend, wie schnell und wie einheitlich ein Wandel eingeleitet wird, nicht nur national, sondern auch europaweit.

Es ist ein Anlass, darüber nachzudenken, wie viel förderale Bräsigkeit wir uns in der Verwaltung noch leisten wollen? Sei es bei Genehmigungsverfahren für die Infrastruktur und Bauprojekten, im Beschaffungswesen der Bundeswehr oder im Bildungswesen. Das bremst uns überall wie ein 40-Kilo-Bleigürtel. 

Es ist ein Anlass, zusammenzuhalten und aufeinander aufzupassen. Wertzuschätzen, was wir an Frieden, Freiheit und Wohlstand haben und sich bewusst zu machen, dass das verteidigenswert und nicht selbstverständlich ist.

Passen wir aufeinander auf.

Autor: Jörg Hoewner

Jörg Hoewner: Jg. 1969, ist Geschäftsführender Partner der K12 – Agentur für Kommunikation und Innovation und Consultant für moderne Unternehmenskommunikation in Düsseldorf. Seit 1995 berät er Kunden im Bereich Online Relations / Online-PR und war damit einer der ersten Berater in Deutschland auf diesem Feld. In den vergangenen 20 Jahren hat Jörg Hoewner zahlreiche Kunden beraten, viele Unternehmen (darunter DAX30-Unternehmen) und mehrere Verbände. Darüber hinaus ist er als Referent aktiv und Autor zahlreicher Fachbeiträge – online, in Zeitschriften und Büchern. Schwerpunktmäßig beschäftigt er sich mit dem Thema integrierte Kommunikation, deren Messbarkeit und der Auswirkung von Kommunikationstechnologien auf die interne und externe Unternehmenskommunikation. Kontakt: Jörg Hoewner (joerg.hoewner@k-zwoelf.com) – T. +49 (211) 5988 16 32.

Ein Kommentar

  1. Astrid sagt:

    Blitzgescheite Beobachtungen.
    Starkes Schlusswort.
    Dank an Jörg Hoewner, K12, für diese Auseinandersetzung und dafür, diese zu teilen.

    „Passen wir aufeinander auf.“

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


sieben + achtzehn =