Direkt zur Kanzlerin!
18. Februar 2008 · von Carina Waldhoff · 2 Minuten Lesedauer · 2 Kommentare
Autorin: Claudia Taubenrauch
Claudia Taubenrauch, 20, studiert Medien- und Kommunikationswissenschaft, Politik und Soziologie an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf und absolviert momentan ein Praktikum bei K12.
Neu ist das Phänomen unter Insidern nicht, bekannt wird es jedoch erst jetzt: Das Portal direktzurkanzlerin.de. Auf dieser Seite kann man Fragen an die Bundeskanzlerin stellen, die drei am besten bewerteten Fragen einer Woche werden schließlich vom Kanzleramt beantwortet. Aufmerksam wurde ich auf dieses innovative Konzept im Rahmen der Berichterstattung zu den amerikanischen Präsidentschaftsvorwahlen, da in den USA jetzt ein ähnliches Portal namens Straight2thecandidate.com eingerichtet wurde – bisher antworteten die Bewerber allerdings noch nicht. Natürlich ist dieses Konzept noch ausbaufähig, da es erst relativ jung ist. Dennoch ist das deutsche Portal ein schönes Beispiel für gelungene Kommunikationsmöglichkeiten, die für beide Seiten Vorteile bringt: Die Wähler haben endlich die Möglichkeit, Fragen direkt und unter Umgehung des üblichen Verwaltungsaufwandes zu stellen, Politiker können die Themenagenda des Volkes nachvollziehen und darauf reagieren. Dies ist kluge und unkomplizierte Kommunikation, die perfekt funktionieren kann, wenn sich das Portal bewährt und seine Bekanntheit weiter steigern kann. Beeindruckend zu sehen, wie einfach der Entwickler, Caveh Valipour Zonooz, sein Problem, nicht direkt mit Frau Merkel kommunizieren zu können, lösen konnte: Innovativ, unkompliziert, klug.
Fundstücke zu Change 2.0
11. Februar 2008 · von Joerg Hoewner · 1 Minute Lesedauer · Keine Kommentare
Autor: Jörg Hoewner
Zum Thema Einsatz von Social Software im Change Management und in anderen Lebenslagen gibt es einige frische und reichhaltige Quellen:
- Der Lehrstuhl für Allgemeine BWL und Organisation hat eine Onlinebefragung durchgeführt zum Thema „Neue Medien im Change Management“, deren Ergebnisse bei Slideshare zur Verfügung gestellt werden. Anscheinend scheint man bei dem Thema Web2.0 + Change schon weiter als vermutet. (Danke an Frederik Tautz für den Studienhinweis!)
- Studienbegleitend wurde das Blog Change 2.0 eingerichtet. Darin zu finden sind ausserdem weitere Leckerbissen, darunter insbesendere „Making Change Work“ von IBM (2007), worin es um die Einführung von Innovationen in Unternehmen geht.
- Und mit Change News gibt es einen Change Management Podcast mit recht interessanten Beiträgen.
Wettbewerbsbeobachtung mit Rivalmap
8. Februar 2008 · von Joerg Hoewner · 2 Minuten Lesedauer · 1 Kommentar
Autor: Jörg Hoewner
Vor einem Jahr habe ich hoffnungsvoll über ein kostenloses Wettbewerbsbeobachtungstool Competitious gepostet („Hoffnungsvoll: Blog- und Wettbewerbermonitoring mit Competitious„). Seitdem habe ich regelmässig nachgeschaut, ob sich das Angebot in der Zwischenzeit verändert oder weiterentwickelt, doch leider ist da nicht viel passiert.
Nun hat der Anbieter ein neues Produkt entwickelt mit Namen „Rivalmap“. Es dient dazu, in Gruppenarbeit (neudeutsch: „kollaborativ“) Wettbewerbsinformationen in Form von Clippings (im Prinzip Links bzw. abgespeicherte Webseiten) zusammenzutragen, zu diskutieren und mit Hilfe von SWOT-Analysen und selbstdefinierten Kriterien zu bewerten.
Das ganze ist inzwischen sehr nutzerfreundlich gestaltet und scheint mir für kleinere und mittlere Unternehmen eine durchaus angemessene Lösung. Hauptkritikpunkt ist nach wie vor, dass in das Tool keine externen Informationsquellen automatisiert eingebunden werden können. Z.B. RSS-Feeds aus News-Aggregatoren, die etwas zu einem Wettbewerber sammeln, lassen sich nicht einbinden. Und das führt dazu, dass man bei der Arbeit mit diesem Tool viel Handarbeit anlegen muss. Dieses Feature muss unbedingt kommen.
Ansonsten gibt es die Basisfunktionen für bis zu drei Nutzern kostenlos. Insofern: Ausprobieren.
„Digitale Medien sind in der internen Krisenkommunikation noch rar“ – Interview mit Boris Klinnert
18. Januar 2008 · von Joerg Hoewner · 6 Minuten Lesedauer · 3 Kommentare
Autor: Jörg Hoewner
Boris Klinnert ist Geschäftsführender Partner von Management Systems 24/7, die sich auf Krisenmanagementaudits spezialisiert hat. Wir haben ihn nach dem Ablauf von Krisenaudits, nach den häufigsten Fallstricken und dem Einsatz von Onlinemedien für die internen Prozesse gefragt.
Jörg Hoewner: Herr Klinnert, Sie haben mit Management Systems 24/7 eine Firma gegründet, die sich auf Krisenmanagementaudits spezialisiert hat. Was machen Sie da genau?
Boris Klinnert: Ein Krisenmanagementaudit ist eine mehrstündige Krisenübung, bei der die Funktion des Krisenmanagements überprüft und die Wirksamkeit der Krisenkommunikation beurteilt wird. Wir haben dazu detaillierte Kriterien entwickelt, die von den Auditoren beurteilt werden.
Jörg Hoewner: Warum sind solche Übungen wichtig und wie kann man eine reale Krise realistisch simulieren?
Boris Klinnert: Ob Krisenmanagement und Krisenkommunikation funktionieren kann man letztendlich nur im Praxisfall gezeigt werden. Im Bereich der Gefahrenabwehr und des Notfallmanagements ist das bereits selbstverständlich. Ein Krisenmanagementaudit ist im Prinzip eine Feuerwehrübung unter dem Aspekt der Unternehmenskommunikation. Wir greifen dabei auf Szenarien zurück, die auch bisher bei Notfallübungen verwendet werden.
Jörg Hoewner: Wie kann ich mir den Ablauf eines Audits konkret vorstellen?
Boris Klinnert: Das hängt natürlich von der Art des Krisenereignisses ab. Wir simulieren ja nicht nur Großschadensereignisse und Störfälle, sondern auch Produktrückrufe, Medienangriffe, Erpressungen u.a.. Meist beginnen die Audits mit einer Ereignismeldung und der Alarmierung des Krisenteams. Und dann wird Kommunikationsdruck auf das Unternehmen erzeugt. Anwohner, Journalisten, Angehörige, Behördenvertreter, Kunden und Lieferanten bombardieren das Unternehmen mit Anfragen zu ganz unterschiedlichen Anliegen. Diese Interessengruppen werden von den Mitarbeitern von Management Systems 24/7 gespielt. Wir berücksichtigen dabei die Ergebnisse aus Analysen zahlreicher realer Krisenfälle. Die kritische Kommunikationsphase dauert in der Regel drei bis vier Stunden.
Danach wird die Übung mit einem kurzen Feedback beendet. Das Unternehmen erhält anschließend einen detaillierten Auditbericht, der eine Beurteilung der Leistung des Krisenteams enthält.
Jörg Hoewner: Was sind die häufigsten Fallstricke, wo hapert es bei den meisten Unternehmen?
Boris Klinnert: Die Auswertung zahlreicher Krisenübungen hat vor allem zwei Schwachpunkte gezeigt: Gerade bei krisenhaften Ereignissen, die außerhalb der normalen Geschäftszeit liegen, wie zum Beispiel Störfälle, sind die Unternehmen oft nicht in der Lage schnell mit der Öffentlichkeit zu kommunizieren. Denn Anwohner, Angehörige von Opfern und Journalisten haben ein großes Informationsbedürfnis, das sofort befriedigt werden will. Zum anderen hat sich gezeigt, dass es von verschiedenen Unternehmensstellen oft widersrüchliche oder nicht aktuelle Informationen zum Ereignis gibt. Grund dafür ist vor allem die dezentrale Verfügbarkeit von Informationen innerhalb des Unternehmens. In beiden Fällen kann das Vertrauen der Öffentlichkeit in das Unternehmen zusätzlich zu dem Schadensvorfall beeinträchtigt werden.
Jörg Hoewner: Was sind – grob gesagt – Kriterien für das Audit?
Boris Klinnert: Die wichtigsten Kriterien sind: Erreichbarkeit und Sprachfähigkeit des Unternehmens, Reaktionszeit in Bezug auf die Lageentwicklung, Einheitlichkeit der Unternehmensaussagen und Wirksamkeit der getroffenen Maßnahmen zum Schutz des Vertrauens in Unternehmen und Marke.
Jörg Hoewner: Ist so ein Audit auch für Mittelständler geeignet oder eher was für große Unternehmen?
Boris Klinnert: Das Audit ist für alle Unternehmen geeignet, die ein Krisenmanagementsystem implementiert haben. Das Krisenpotenzial eines Unternehmens hängt dabei weniger von der Größe ab als vielmehr von der Bekanntheit der Marke und der Branche. Viele mittelständische Unternehmen aus den Bereichen Chemie, Touristik, Verkehr, Energieversorgung, Lebensmittel und Gesundheit beistzen ein Krisenmanagementsystem.
Jörg Hoewner: Welche Rolle spielen bei den internen Kommunikationsabläufe digitale Medien, speziell Web2.0-Techniken?
Boris Klinnert: Webbasierte Medien bieten sich an, um den unternehmensinternen Informationsfluss im Krisenfall zu steuern. Sie ermöglichen eine zentrale Informationshaltung, eine schnelle Verfügbarkeit der Informationen und eine lückenlose Dokumentation der Entscheidungen und Aussagen zu jedem Zeitpunkt. Dadurch könnten die zwei Schwachstellen, die wir eben aufgezeigt haben, behoben werden.
Jörg Hoewner: Und werden digitale Medien zu diesem Zweck tatsächlich genutzt?
Boris Klinnert: Nach unseren Erfahrungen erfolgt der Informationsfluss auch in großen Konzernen im Krisenfall eher per Telefon, Fax und E-Mail. Dokumentiert wird überwiegend auf Papier, zum Beispiel bei Telefonprotokollen, Lageprotokollen und Protokollen des Krisenstabs. Aber es gibt auch einige Unternehmen insbesondere aus den Bereichen Luftfahrt, Großchemie und Energieversorgung, die den Informationsfluss überwiegend digital steuern. Allerdings ist uns kein Unternehmen bekannt, dass dazu konsequent die Möglichkeiten von Web2x-basierten Systemen nutzt.
Jörg Hoewner: Kann man sagen, dass Web2.0 in der internen Krisenkommunikation noch kein Thema ist?
Boris Klinnert: Ja, Web2.0 spielt in der Krisenkommunikation bisher keine Rolle.
Jörg Hoewner: Herr Klinnert, vielen Dank für das Interview.
Das Interview wurde am 18.1. von mir via Skype geführt.
„Unser Innovationsmodell heißt Kooperation“ – Interview mit Prof. Reinhart Poprawe, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnik, Aachen
7. Januar 2008 · von Joerg Hoewner · 15 Minuten Lesedauer · Keine Kommentare
Mit über 250 Mitarbeitern zählt das Fraunhofer-Institut für Lasertechnik ILT weltweit zu den bedeutendsten Auftragsforschungs- und Entwicklungsinstituten seines Fachgebietes. Die Kernaktivitäten decken ein weites Themenspektrum ab – von der Entwicklung neuer Laserstrahlquellen und -komponenten über den Einsatz moderner Lasermess- und Prüftechnik bis hin zur Fertigungstechnik mit Lasern. Hierzu zählen beispielsweise das Schneiden, Abtragen, Bohren, Schweißen und Löten mit dem Laser sowie das Oberflächenvergüten, die Mikrofertigung und das Rapid Prototyping. Das ILT finanziert sich wie alle Fraunhofer Institute zu einem großen Teil über Aufträge aus der Wirtschaft sowie Projekte aus öffentlichen Ausschreibungen, die groß angelegte Kooperationen mit der Industrie voraussetzen.
Prof. Reinhart Poprawe
Leiter des Fraunhofer-Institutes für Lasertechnik (ILT) in Aachen / Prorektor der RWTH Aachen.
Axel Bauer
Diplomphysiker kümmert sich seit vielen Jahren um Kommunikation und Marketing im Fraunhofer-Institut für Lasertechnik.
Frage: Das Fraunhofer-Institut für Lasertechnik betreibt Spitzenforschung in der Zukunftstechnologie Lasertechnik. Mit welchen zukunftsweisenden oder spektakulären Fragestellungen beschäftigt sich das ILT zurzeit?
Poprawe: Ein plakatives und schönes Beispiel ist das Selective Laser Melting. Hierbei bauen wir durch das schichtweise Laserschmelzen von Pulver dreidimensionale Geometrien auf. Das funktioniert im Prinzip so wie dreidimensionales Laserdrucken. Mit diesem Verfahren werden zum Beispiel Zahnimplantate hergestellt. Wir können damit mittlerweile auch Knochen oder Knorpel in individueller Geometrie aufbauen.
Ein anderes sehr aktuelles und viel versprechendes Feld ist EUV, Extreme Ultraviolett. Aufgrund der ultrakurzwelligen und damit hochauflösenden Laserbelichtung von Siliziumchips werden Computer in etwa fünf Jahren wesentlich schneller sein; in Zahlen heißt das, sie verfügen über eine 30 Gigahertz-Taktrate, heute arbeiten sie bei ca. 2,5 Gigahertz. Die vielfach höhere Geschwindigkeit ermöglicht Online-TV und andere komplexe Datenprozesse.
Diese Technik wird hier in einer sehr engen Kooperation mit einem Spin-In entwickelt. Dies ist ein Tochterunternehmen von Philips, an dem wir als Fraunhofer Gesellschaft beteiligt sind. Das machen wir nicht, um reich zu werden, sondern um effektiv zusammenzuarbeiten und die Schwelle zur Kooperation zu senken. Das ist aus unserer Sicht das Innovationsmodell der Zukunft: Dass Technologietransfer überflüssig wird, dass wir enger zusammenarbeiten und dass wir parallel entwickeln. Die individuelle Fragestellung, der Markt und die naturwissenschaftlichen Gesetze und Grundlagen sollten sehr nah aneinanderrücken.
Frage: Wie erklärt das ILT der Öffentlichkeit, woran hier gearbeitet wird?
Ist es aus Ihrer Sicht relevant, dass die Öffentlichkeit es versteht?
Bauer: Natürlich ist es relevant, denn wir brauchen wie jede andere Organisation auch die Akzeptanz in der Öffentlichkeit. Wir können allerdings nicht immer alles Neue und Spannende aktuell veröffentlichen, weil das oft den Interessen unserer Auftraggeber widerspricht.
Trotzdem nehmen wir uns vor, die von unseren Auftraggebern freigegebenen Informationen prägnant in die Breite zu tragen. Das heißt, wir müssen Kommunikations- und Darstellungsformate wählen, die auch für das Laienpublikum und die Medien interessant sind. Die Formulierung „3D-Drucker“ für das oben genannte hochanspruchsvolle Selektive Laser Melting-Verfahren klingt nach Sensation, ist vielfach abgedruckt worden und ist ein Beispiel für zielgruppenspezifische Öffentlichkeitsarbeit.
Diese müssen wir vor allem deshalb leisten, weil wir Deutsche außerhalb der Ingenieurs-Zunft häufig den Hang zur Technologiefeindlichkeit haben. Das ist anders als in Frankreich oder anderen benachbarten Ländern, die viel eleganter und spielerischer mit neuen Technologien umgehen. In Deutschland ist die öffentliche Meinung vielfach geprägt durch Zurückhaltung, Unwissen, Angst, Ablehnung. Deshalb gilt es für uns, aktiv und intensiv zu kommunizieren und Vertrauen in unsere Arbeit zu schaffen.
Frage: Wie schätzen Sie das aktuelle Innovationsklima in Deutschland ein?
Poprawe: Es hat sich was geändert. Früher kamen Unternehmen in Phasen negativer gesamtwirtschaftlicher Lage verzweifelt hierher: „Wir müssen was machen!“ Das war ein Mordsantrieb und die Unternehmen haben viel Geld in die Hand genommen. In den Zeiten, in denen die Wirtschaft blühte, vertrat man dagegen eher die Ansicht “Wozu brauchen wir Innovationen?“ Wenn es gut ging, hat sich damals für die Forschung keiner mehr interessiert. Da hat es einen Paradigmenwechsel gegeben.
Die Verantwortlichen haben begriffen, dass es gerade in den guten Zeiten Chancen für weitere Verbesserungen gibt. Deswegen wage ich zu sagen, dass im Moment sehr aktiv an Innovationen gearbeitet wird. Ich glaube, das hat mit der Globalisierung zu tun, weil jeder weiß, dass er wachsam sein und sich weiterentwickeln muss, bevor
es die Anderen tun.
Frage: Warum sind kleine oder mittelständische Unternehmen innovativer als die Großen?
Poprawe: Innovative Technologien und Produkte kommen wirklich häufig aus kleineren Unternehmen, ein Beispiel ist das oben genannte Selektive Laser-Melting. Das haben wir anfänglich mit einem führenden deutschen Laserhersteller, der Firma Trumpf entwickelt. Dann stellte sich heraus, dass ein Unternehmen wie Trumpf im Jahr zirka 20 Anlagen verkaufen musste, um auf seine Kosten zu kommen. Sie haben es ausprobiert und sind nur auf fünf, vielleicht sieben Stück gekommen. Das haben sie sich ein, zwei Jahre angeschaut und uns die Weiterentwicklung und Vermarktung des Verfahrens zurückgespielt. Wir haben eine Firma gegründet, die die Anwendung qualifiziert und jetzt unter anderem Gehörhilfen damit herstellt, die individuell ins Ohrinnere angepasst werden. Es muss von der Größe der Märkte her passen. Ein Fünf-Mann-Unternehmen kann mit einem Umsatz von ein bis zwei Millionen Euro hervorragend leben. Aber das kann ein großes Unternehmen sich nicht leisten. Das passt nur im Ausnahmefall zusammen.
Frage: Gemeinhin hört man die Erklärung, dass es einfach zu lange dauert,
in großen Unternehmen Entscheidungen durchzuboxen.
Poprawe: Das glaube ich nicht. Wenn wir mit großen Unternehmen wichtige Dinge machen, dann tanzt der Elefant. Nehmen Sie Philips EUV. Die Entscheidungen wurden ruck zuck getroffen. Denn das Management hatte das Projekt als strategisch wichtig eingestuft. Es ist vielleicht eher die Frage, welche Innovationen große Unternehmen als strategisch verstehen.
Frage: Was kann aus Ihrer Sicht die Politik konkret tun, um Innovationen
in Deutschland zu fördern?
Poprawe: Zum Beispiel die Grundfinanzierung der Fraunhofer- Gesellschaft drastisch erhöhen. Wo anwendungsorientierte Forschung erfolgreich ist, sollte sie entsprechend proportional weitergefördert werden. Es wäre ein gutes Signal, wenn die Politik ab und zu mal die Stärken stärker stärken würde. Mehr Grundfinanzierung heißt mehr Freiheiten, selbst definierte, eigene neue Arbeiten anzustoßen und nicht den Weg über die Ausschreibungen der Programme zu gehen. Im Bereich der Grundlagenforschung war das übrigens immer schon so. Die Max-Planck-Gesellschaft und die Helmholtz-Gemeinschaft arbeiten beispielsweise zu 100 Prozent staatlich finanziert.
Die Netzwerkstrukturen aus Industrie und Instituten, die sich durch die Programme und die ausschreibungsbasierte Förderung ergeben haben, sind allerdings ein großer Vorteil unserer Arbeitsweise. Diese Netzwerke sind eine wirkliche Stärke deutscher integrierter Forschung. Ich kenne kein Land, in dem das so organisiert funktioniert.
Frage: Sie sind mitten in der zweiten Runde der Bewerbung als Eliteuniversität, die im ersten Anlauf nur halb erfolgreich war. Mit welcher Strategie sind Sie diesmal ins Rennen gegangen?
Poprawe: Wir haben in der ersten Runde auf unsere Stärken aufgesetzt und gesagt, dass wir eine ingenieurwissenschaftlich anerkannte und wichtige Hochschule sind. Das bescheinigen uns zum Beispiel die „Wirtschaftswoche“, der „Focus“ oder auch zahlreiche Umfragen. Daran wurde im letzten Jahr unter anderem kritisiert, dass die Wissenschaften zu kurz kämen, sprich nicht ausreichend wissenschaftliche Veröffentlichungen vorlägen. Der so genannte Citation Index spielt für uns traditionell keine große Rolle. Einige Kollegen sagen, wir betreiben nicht „research for library“, wir machen „research for factory“. In der zweiten Runde haben wir den Ausbau unserer naturwissenschaftlichen Kompetenzen ziemlich weit oben auf die Agenda geschrieben. Sicherlich genau so wichtig nehmen wir den Aspekt der interdisziplinären Kooperation. Hier soll das Zusammenwirken von wirtschaftlichen und gesellschaftspolitischen Kompetenzen mit den Ingenieurwissenschaften forciert werden. Unser Programm heißt „Meeting the global challenges RWTH 2020“. Wir orientieren uns dabei an den Megatrends und binden die nicht technischen, aber gesellschaftsrelevanten Themen und Kompetenzen mit den ingenieurwissenschaftlichen zu einem integrierten Konzept zusammen. Damit soll aus einer exzellenten technischen Hochschule dann eine exzellente technische Universität werden.
Frage: Ihr Kollege, RWTH-Rektor Professor Burkhard Rauhut, hat nach der abschlägigen Entscheidung im letzten Jahr geäußert: „Nicht das Erzielte zählt, sondern das Erzählte zieht“. Wie ist das gemeint?
Poprawe: Was wir seit Jahren machen, ist eine intensive Kooperation mit dem Forschungszentrum in Jülich: 18 gemeinsame Professuren, sehr erfolgreiche Kooperationen in der Neurologie und der Computertechnik, da reden wir nicht großartig drüber. Das machen wir einfach. Im letzten Jahr stellte die Karlsruher Bewerbung zur Eliteuniversität die Verbindung zwischen dem Forschungszentrum
Karlsruhe und der Universität Karlsruhe groß heraus. Sie fand sogar den klingenden Namen „KIT“ dafür und die Ähnlichkeiten mit einem weltweit führenden Institut waren sicherlich nicht zufällig. Da kann der Rektor davon reden, dass das Erzählte zieht.
Frage: Um die aktuelle Diskussion aufzugreifen: Wie, glauben Sie, könnte die Weiterbildung und Qualifizierung der arbeitslosen Ingenieure und Fachkräfte, die dringend gebraucht werden, bewältigt werden?
Poprawe: Ich bezweifle, dass da heutzutage viel Potenzial zu heben ist. Als wir fünf Millionen Arbeitslose hatten, waren lediglich 0,7 oder 0,8 Prozent Akademiker darunter.
Frage: Wie fließen Trends und aktuelle Entwicklungen in Ihre Arbeit ein?
Poprawe: Wir richten unsere Strategie neuerdings an den globalen Megatrends aus. Das geht es zum Beispiel um Mobilität, Health, Environment, Recycling. Danach setzen wir Prioritäten und denken, dass wir uns so bestmöglich auf die künftigen Herausforderungen vorbereiten.
Bauer: Die Fraunhofer Gesellschaft insgesamt beschäftigt sich stark mit dem Thema der Megatrends, spiegelt sie mit den eigenen Kompetenzen und schaut sich an, wo sie sich als Gesellschaft einkoppeln kann. Unter den Fraunhofer-Instituten werden dann Allianzen geschmiedet, die in der Lage sind, die Komplexität der großen
Zukunftsfragestellungen zu bewältigen.
Frage: Im ILT-Leitbild taucht im Gegensatz zu allen anderen mir bekannten die Kategorie Innovation nicht auf. Wie kommt das?
Poprawe: Das liegt daran, dass wir nichts anderes als Innovation machen. Im Mission Statement steht der „bescheidene“ Satz, dass wir im globalen Maßstab eine Spitzenposition im Transfer der Lasertechnik einnehmen. Da steht nicht, dass wir Nobelpreise gewinnen, da steht nicht, dass wir Laser herstellen, sondern dass wir diesen Transfergedanken besetzen wollen. Das gibt mir aber den Anstoß, über das Leitbild neu nachzudenken, denn ich würde heute – zugegebenermaßen etwas visionär – sagen, effektive Innovation hat keinen Transfer nötig. Der wird obsolet durch die richtigen Kooperationsstrukturen. Der Transfer wird sozusagen inhärenter Bestandteil der Kooperationsstruktur. Innovation ist mit unserer Zielsetzung so verknüpft, dass wir gar nicht mehr explizit darauf eingehen müssen.
Bauer: Was Sie in unserem Leitbild finden, ist der Begriff „Faszination“. Und ich würde sagen, was Sie heute brauchen, um innovativ zu sein, sind begeisterte Leute. Das Leitbild ist im Dialog mit den Mitarbeitern entstanden. Beispielsweise haben die beteiligten Autoren eine Entwurfsversion über mehrere Tage mittags in der Kantine mit den Kollegen diskutiert, Änderungen wurden gesammelt und solange eingearbeitet, bis wir das Gefühl hatten, dass die Meisten dahinter stehen. Da ist dann „Faszination“ als Begriff entstanden. Das finden Sie in wenigen Leitbildern. Es ist wichtiger, ein Leitbild zu erstellen, hinter dem die Mannschaft steht, als politisch opportune Begriffe wie Innovation zu verwenden, die aber irgendwann ausgehöhlt sind.
Frage: Wie würden Sie die Art und Weise von Führung und Zusammenarbeit im ILT beschreiben? Welchen Geist atmet das ILT?
Poprawe: In diesem Punkt halten wir es mit Churchill: „Success is never final“. Das heißt, eine bessere Lösung ist noch lange nicht gut. Wir müssen immer weiter denken, wie sieht der beste nächste Schritt aus. Wie finden wir noch klarere, noch einfachere, noch weitreichendere Lösungen? Selbstzufriedenheit ist sehr gefährlich. Das heißt dann, ich brauche nichts mehr machen, vielleicht auch, ich will nichts mehr machen. Ich glaube, die Mitarbeiter verstehen das. Es hängt mit Faszination und Motivation zusammen. Wir fördern, fordern und ermutigen. Wir brauchen den Mut zum Handeln und zu Fehlern.
Frage: Machen das alle Führungskräfte mit?
Poprawe: Nein. Aber zunehmend bekommen wir eine Fehlerkultur hinein. Das Qualitätsmanagementsystem hilft dabei. In der Projektnachbearbeitung wird standardisiert reflektiert, was gut und was schlecht gelaufen ist. Da haben wir in der Zwischenzeit hervorragende eigene Leute, die dies als interne Auditoren moderieren.
Frage: Die jährliche Innovationsstudie der Boston Consulting Group hat in diesem Jahr wieder ermittelt, dass die Risikoaversion aus Sicht internationaler Manager eines der hauptsächlichen Innovationshindernisse ist. Sie erklärt aber auch, dass viele Fehler heutzutage so schwerwiegend sind, dass Fehler nicht passieren dürfen. Wie sehen Sie das?
Poprawe: Da muss man unterscheiden. Es gibt absolut dramatische Fehler. Wenn in der Produktion bei BMW an einem Tag nur Autos mit Riss in der Hinterachse produziert werden, ist der Fehler fatal. Wenn wir in Forschungsprojekten einen falschen Weg gehen, ist das dagegen Bestandteil der Arbeit, der uns schließlich auch weiterbringt. Wahrscheinlich sollte jeder Mensch lernen, diesen Schalter umzulegen. Und wenn er sich in einem toleranten Umfeld befindet, sollte er den Mut um Begehen und zum Eingeständnis von Fehlern finden, um dabei sicher zu sein, dass er es richtig gemacht hat.
Das Interview führte Kirsten Jantke.
Dieses Interview und weitere finden sich in der Publikation „Von der Spinnovation zur Sinnovation, das downgeloadet werden kann unter (PDF, 6,3MB, ca. 100 Seiten):

