Netzwerkkommunikationen im Internet (und in Organisationen). Interview mit Steffen Büffel (media ocean)
26. Juni 2006 · von Jörg Hoewner · 8 Minuten Lesedauer · Keine Kommentare
Steffen Büffel (Jahrgang 1975) ist Medienwissenschaftler an der Universität Trier und arbeitet neben seiner Lehrtätigkeit an seinem Dissertationsprojekt „Netzwerkkommunikationen im Internet. Soziale und diskursive Strukturen in der Weblog-Kommunikation“. Daneben betreibt Steffen sein hervorragendes Weblog media ocean (zu eben jenen Themen) und beschäftigt sich mit Weblog-Strategien von Verlagen. Ich habe Steffen beim EUROBLOG2006-Symposium in Stuttgart kennengelernt, wo er über die Weblog-Strategie bei der Zeitung Trierischer Volksfreund referiert hat (hier der Vortrag als PDF, 6MB). Im Interview berichtet er über Netzwerkkommunikation, innovativen Ansätzen in der Lehre und was man daraus für die Unternehmens- und organisationsinterne Kommunikation lernen könnte. Steffen, für die, die noch nie auf “media ocean” waren, kannst Du ein paar Takte zu Dir sagen?
Ich empfehle einfach allen, die noch nie auf meinem Weblog waren, das bald und oft nachzuholen. media ocean habe ich 1999 ins Leben gerufen, in der heutigen Form gibt es das Blog aber erst seit 2005. Davor habe ich damit als Gruppenblog in meinen Uniseminaren experimentiert. Auf media ocean blogge ich vor allem zu medienbezogenen Themen und nutze es zur „Selbstvermarktung“. Meine Publikations- und Vortragstätigkeiten sind dort ebenso zu finden, wie meine Erfahrungen in der Hochschullehre und mein Lebenslauf. Kurzum: auf media ocean lernt man den beruflich-professionellen Teil von mir kennen.Du sagst, Du befasst Dich in Deiner Doktorarbeit über Netzwerkkommunikation im Internet: Was genau versteht man unter “Netzwerkkommunikation”? Und was interessiert Dich genau an dem Thema?
Ich begreife das Internet als Netzwerkmedium, denn die Netzwerkmethaphorik ist das Leitmotif, das sich auf ganz unterschiedlichen Ebenen zeigt: Auf Ebene der Technik, die eine dezentrale und vernetzte Infrastruktur über den Erdball zieht, über Hypertext bei der Strukturierung von Inhalten und natürlich auf der Ebene der sozialen Vernetzung, um mal ein paar der Vernetzungsdimensionen zu nennen. Im Netzwerkmedium findet konsequenterweise auch Kommunikation in zunehmendem Masse vernetzt statt. Web 2.0 und Social Software haben da ja interessante Beispiele hervorgebracht. Insbesondere die Weblog-Kommunikation betrachte ich als paradigmatischen Fall dessen, was ich unter Netzwerkkommunikation verstehe. Vor allem interessiert mich, wie und warum dezentral organisierte Kommunikation in einem Netzwerk funktioniert, welche Dynamiken sich dabei zeigen und wie sich darin auch Vergemeinschaftungsprozesse zeigen. Ohne Netzwerkkommunikation gäbe es beispielsweise keine Blogosphäre.Wenn Du Dir Deine Forschungsergebnisse anschaust: Wo warst Du wirklich überrascht? Hattest Du irgendwo einen “Wow-Effekt”?
Wäre ich Naturwissenschaftler und würde nach der Weltformel suchen, dann hätte ich eher die Chance grundlegend und markerschütternd überrascht zu werden. 😉 Ich beschäftige mich seit über 20 Jahren mit Computern, mit dem Web seit über 10, so dass das meiste für mich in einer relativ natürlichen Abfolge der Medienevolution und der Weiterentwicklung von Kommunikationsformen steht. Es ist demnach weniger der Wow-Effekt, sondern für mich vielmehr die Beobachtung von Faszination. Diese besteht für mich darin als Wissenschaftler ganz nah an der Praxis sein zu können, etwas zu beforschen, was in zunehmendem Maße für die Gesellschaft an Relevanz gewonnen hat und weiter gewinnt. In der Lehre und bei Weiterbildungsveranstaltungen hoffe ich aber Wow- bzw. Aha-Effekte bei den jeweiligen Zuhörern auszulösen. Gerade Journalisten können, sollten und müssen in Sachen Web noch einiges dazulernen.Wenn Du Dir mal mein Thema anschaust (Unternehmenskommunikation / PR), was bedeuten Deine Erkenntnisse für dieses Thema?
Nunja, ich habe es ja in meiner vorherigen Antwort geschickt verstanden, nichts aus meiner fast fertigen Doktorarbeit zu verraten. 😉 Um dennoch eine Antwort auf Deine Frage zu geben, kann ich nur betonen, dass Unternehmen einen Fehler machen würden, wenn sie sich auf das sich wandelnde Mediennutzungs- und Kommunikationsverhalten ihrer Zielgruppen nicht eingehen. Es setzt halt voraus, dass man sich in den Unternehmen die klassischen Formen der Unternehmens- und PR-Kommunikation in Richtung der neuen vernetzten Formen im Web zu öffnen. Zwar wird die klassischen Formen weiterhin gefragt sein, aber wenn attraktive Zielgruppen mehrheitlich im Web selbst publizieren und sich informieren, sollte man durch entsprechende Strategien diesen erstarkenden „Markt“ bedienen. Dann aber bitte nicht mit den alten Startegien 1:1 ins Web übersetzt, denn das geht 100% in die Hose.Wie hat sich aus Deiner Sicht die Lehre an der Uni durch das Internet und durch Social Software verändert?
Veränderung passiert nur durch das Engegament von Menschen, im Falle der Universitäten das Engagement der Lehrenden. Diese müssen es zum einen verstehen die Studierenden zu begeistern, zum anderen gilt es die neuen Möglichkeiten von beispielsweise Social Software intelligent und kompetent in die Lehre einzubauen. Ich selbst habe in den vergangenen fünf Jahren neue Konzepte entwickelt, wie man Blended-Learning, also die Kombination von klassischer Präsenzlehre und Lehren/ Lernen mit neuen Medien, sinnvoll kombinieren kann. Im vergangenen Wintersemester habe ich beispielsweise in einem Kurs zum Netzwerkmedium Internet die Studierenden jeweils ein eigenes Weblog betreiben lassen, es gab Chatsitzungen mit externen Experten, die Sprechstunde wurde über Instant Messaging realisiert und gemeinsam haben wir das net-wiki.de entwickelt. Das Involvement und die Motivation der Studierenden war deutlich höher als in anderen Kursen, so dass ich jetzt im Sommersemester das Projekt weiterführen kann.Lässt sich daraus allgemein was ableiten hinsichtlich organisationsinterner Kommunikation, z.B. in Behörden, Unternehmen, Unis, etc.?
Ich sehe es so, dass webbasierte und medial-vermittelte Formen der Kommunikation klassische Organisations- und Kommunikationsstrukturen aufbrechen und ergänzen werden. Dazu brauchen die Beteiligten Grundlagen und Kompetenzen, um die neuen Möglichkeiten auch effektiv für sich nutzbar zu machen. Grundvoraussetzung ist dabei der Wille Dinge, ausserhalb der gewohnten und gelernten Betrachtungsweisen anzugehen.Wenn Du zurückschaust, wie hat sich Deine Internetnutzung in den letzten 5 Jahren geändert?
Ich dreh’s mal um: Die Internetnutzung hat meine sonstige Mediennutzung stark verändert. Ich informiere mich breiter als vorher über die Onlineangebote klassischer Medien und in Blogs. Fernseh- und Radiogerät sucht man in meiner Wohnung vergeblich. Der Computer und das Web sind zur zentralen Schaltstelle geworden. Ohne Internet könnte ich inzwischen nur noch schwer leben. Sollte mich das nachdenklich machen???
Mir geht es ähnlich. Gleichwohl habe ich noch einen Fernseher (wenn der kaputt geht, wird allerdings kein neuer angeschafft) und höre Radio im Auto. Und wie wird die Nutzung des Internets Deiner Meinung nach in 5 Jahren aussehen?
Für eine breitere Masse so, wie sie für mich jetzt schon aussieht und für mich wohl so, dass ich zusätzlich zu meinem stationären Internetzugang ein all-in-one Mobilgerät in Smartphone-Format nutzen werde, mobile Flatrate mit lückenlosem Zugang in ganz Deutschland zu einem vernüftigem Preis inklusive. Das, was derzeit weitestgehend noch als Vision im Zusammenhang mit Web 2.0 propagiert wird, wird in 5 Jahren Realität sein: Das Web als Plattform, Office-Anwendungen in Echtzeit onlinebasiert nutzbar, das persönliche Multimedia-Archiv überall abrufbar, Videoconferencing, Navigationssystem in Kombination mit Google-Mashups, intelligente Social- and Geographical Awareness-Anwendungen.Du wirst Ende des Jahres mit der Arbeit fertig sein, wo möchtest Du Dein Wissen am liebsten anwenden?
Gerne weiterhin an der Uni, aber ich glaube, dass ich so breit aufgestellt bin, dass ich auch in Onlineagenturen mein Knowhow einbringen kann. Konzepte entwickelt, angewandte Usability-Forschung, E-Learning-Strategien, Web 2.0 und Social Software in Unternehmen, Behörden etc. Alles kein Problem. 🙂Steffen, danke für Deine Einsichten und Ansichten! Und ich bin gespannt auf Deine Arbeitsergebnisse!
Die Fragen stellte Jörg Hoewner.
PR 2.0?
22. Juni 2006 · von Jörg Hoewner · 2 Minuten Lesedauer · Keine Kommentare
Autor: Jörg Hoewner
Klar, dass nach Web 2.0 die Diskussion um PR 2.0 los geht. Allerdings hat mich das, was ich bisher dazu gelesen habe, nicht so wirklich überzeugt. Es fehlt noch ein glaubwürdiger Ansatz (was ja ok ist, denn wir alle müssen die Entwicklungen um Web 2.0 erst einmal verstehen!).
Klar, müssen Blogger ernst genommen werden, ja, die Kommunikations-Intermediäre wie Agenturen und Journalisten haben nicht mehr die alleinige Informationshoheit. Darauf mit PR-Spam in Social media zu reagieren, ist sicherlich keine Lösung, wie Steve Rubel zu Recht feststellt. So ein Versuch kann nach hinten losgehen.
Die Pressemitteilung 2.0 auf den Weg zu bringen, die mit allerlei Web2.0-features garniert Journalisten beglücken soll hat der entwickelnden Agentur Cymfony auf jeden Fall eine Menge Blog-Coverage eingebracht. Die ersten Reaktionen darauf sind allerdings nicht gerade euphorisch – zumindest im deutschsprachigen Raum.
Auf der anderen Seite ist es natürlich – aus Sicht der PRler – eine naheliegende Idee, Pressemitteilungen mit Trackbacks auszustatten, wie es PRWeb vormacht (gefunden bei David Meerman Scott: „Press releases as viral marketing fodder“). Man stelle sich das Konzept übertragen auf die Print-Medienwelt vor: In welchen Zeitungsartikeln welche Pressemitteilungen verarbeitet wurden, wäre öffentlich nachvollziehbar… 😉
Ob nun PR-Podcasting PR 2.0 ist – ich weiss es nicht. Der Beitrag von Stuart Bruce tritt jedenfalls beim Thema „PR 2.0“ mächtig auf die Bremse und holt einige Mythen auf den Boden der Tatsachen zurück. Ein bisschen polemisch, aber sehr lesenswert.
Verwandte Beiträge dazu:
>>Die Zukunft der Pressemitteilung? Press release 2.0
Online-Demonstrationen nicht strafbar: Zur ersten Online-Demo in Deutschland…
2. Juni 2006 · von Jörg Hoewner · 2 Minuten Lesedauer · 2 Kommentare
Autor: Jörg Hoewner
Wie Spiegel Online gestern meldet, sind Online-Demonstrationen nicht strafbar. Eine Gruppe von Aktivisten hatte für den 20.6.2001 zu einer Onlinedemonstration gegen die Lufthansa aufgerufen, um gegen die gängige Abschiebepraxis – Flüchtlinge oder abgelehnte Asylbewerber werden via Lufthansa ausser Landes geflogen – zu demonstrieren. Dazu sollte man sich Skripte herunterladen, mit deren Hilfe die Onlinebuchungen der Lufthansa-Website automatisch ausfüllen konnte, was die Website vorübergehend lahmgelegt hat. Ich habe kurz nach der Demo in Berlin einen Vortrag von einigen Akteuren gesehen und fand dabei bemerkenswert:
- Die Aktion wurde auf vielen unterschiedlichen Sites kommuniziert, z.T. mit Lufthansa-CD-gleichen Bannern. Ein Teil dieser Website waren im Prinzip das, was wir heute „Blogs“ nennen, wie z.B. http://www.indymedia.org/
- Im Prinzip hatten es die „Hacktivisten“ nicht auf eine waschechte DOS (denial-of-service)-Attacke abgesehen. Die Skripte waren so getaktet, dass das Ausfüllen der Formulare nicht viel schneller vonstatten ging, als per Hand. Nur eben automatisch. Dadurch gelang es der Lufthansa auch ziemlich schnell, alles wieder zum Laufen zu bringen. Der Grund für die (Selbst-)Beschränkung waren ethische Bedenken.
- In die ähnliche Richtung gingen auch ursprüngliche Bedenken dagegen, überhaupt eine Online-Demo abzuhalten, weil es einfach zu bequem ist und eine Demonstration vor allem durch Engagement überzeugend wirkt. Am Rechner zu sitzen, sei halt nicht wirklich Engagement.
Auf der Veranstaltung wurden auch einige Background-Infos ausgeteilt, die ich leider nicht mehr habe (Christof, hast Du die??). Ich weiss aber noch, dass das Ganze sehr inspiriert war von einer Künstlergruppe namens „Critical Art Ensemble“, die eben solche „virtuellen“ Aktionen planen und umsetzen. Die haben dazu ein Buch herausgegeben, welches man unbedingt gelesen haben sollte: „The electronic disturbance“ (ISBN 1-57027-006-6). Hier kann man es downloaden.
Podcasting? Placecasting!
31. Mai 2006 · von Jörg Hoewner · 1 Minute Lesedauer · Keine Kommentare
Autor: Jörg Hoewner
Rohit Bhargava beschreibt, was Placecasting so ist: Man nehme Bluetooth und sende in seine Umgebung. Oder so. Auf jeden Fall ein netter Ansatz.
Suche nach der Enterprise Web 2.0-Lösung
26. Mai 2006 · von Jörg Hoewner · 2 Minuten Lesedauer · 2 Kommentare
Autor: Jörg Hoewner
In den vergangenen Wochen wurde ich mit allerlei Testlogins zu allen möglichen Online collaboration Plattformen überschwemmt, deren Demo-Zugang ich begehrt habe. All die Weboffices, BasecampHQs, Wiki-Derivate und Onlinekalender dieser Welt. Ich habe viele gute Lösungen gesehen, aber das meiste ist eben nur Stückwerk oder die Usability ist grauenhaft. Ich hätte gerne:
- E-mail-Management
- Gruppenkalender, evtl. To-do-Listen
- Web-gestützte Dateiablage
- Management von Zugriffsrechten, d.h. Ordner sollten bestimmten Gruppen zugewiesen werden können
- mehr Platz als 250 MB oder (reicht ja gerade mal für 20 Powerpoint-Dateien)
- 1 GB und mehr Platz wären super
- Browserkompatibilität, plattformübergreifend
- Usability
- Bezahlbar (<100 EUR / Monat)
- Nice-to-have ist gemeinsames Arbeiten an Dokumenten
Ideal wäre ein Mash up unterschiedlicher Web 2.0-Anwendungen, so was wie Netvibes. Aber die Auwahl der möglichen Anwendungen trifft es halt noch nicht wirklich.
Idee, jemand? 😉
Oder doch lieber einen eigenen Server aufsetzen?
Tipps:
- Eine gute Definition von Enterprise 2.0
- Sehr gutes Blog zum Thema von Dion Hinchcliffe